Sport : Auch das Herz bebt

Berliner Judoka flüchteten hektisch aus Japan und lassen ein Stück sportlicher Heimat zurück

von
In Sicherheit. Franziska Konitz und Iljana Marzok (l.) sind wieder in Berlin. Foto: Engler
In Sicherheit. Franziska Konitz und Iljana Marzok (l.) sind wieder in Berlin. Foto: EnglerFoto: Fotoagentur-Engler

Berlin - Den ersten großen Schreck erlebte Franziska Konitz, als im Fahrstuhl offenbar ein paar Irre randalierten. Sie wartete gerade im Flur vor der geschlossenen Tür und wollte gleich einsteigen. Aber als die Kabine nach unten schnurrte, da wackelte sie plötzlich nach links und rechts. „Da drin wüten ein paar Leute“, dachte die 25-Jährige spontan.

Aber niemand wütete, die Judoka Konitz vom SC Berlin erlebte im Nationalen Trainingszentrum in Tokio nur die mächtigen Ausläufer des Erdbebens der Stärke 9, das den Tsunami ausgelöst hatte. An einer Wand lehnte eine Massagebank, die nun krachend umfiel, ein paar Meter von Konitz entfernt stand Iljana Marzok und hatte das Gefühl, dass sie plötzlich auf ein schwankendes Schiff gebeamt worden war.

Es war der Beginn der Tragödie in Japan. Die deutsche Frauen-Judo-Nationalmannschaft hatte ein zweiwöchiges Trainingslager in Tokio. Ein Routine-Termin, Teil der Vorbereitung auf die EM Ende April in Istanbul. Aber nach diesem Beben war nichts mehr wie sonst. Hektisch organisierte der Deutsche Judo-Bund (DJB) zu Hause den Rückflug der Trainer und Athleten nach Hause, am nächsten Tag startete ihr Flugzeug. „Das hatte es noch nie gegeben, dass wir vorzeitig abgereist sind“, sagt Franziska Konitz. „Als ich gehört habe, dass wir zurückfliegen, war ich wirklich schockiert. Da wusste ich erst, was hier auf dem Spiel steht.“ Da wurden die Einzelheiten der Reaktorkatastrophe immer dramatischer.

Bis dahin konnten die Judoka aus Berlin die Situation gar nicht so richtig einschätzen. Japaner sind an Erdbeben gewöhnt, das wussten sie, aber war das jetzt ein besonderes Erdbeben? Oder hatten nur sie so ein komisches Gefühl? Nein, nicht nur sie, das erkannten sie bald. „Viele waren auf die Straße gerannt“, sagt die 25-Jährige Konitz. Und dann war auch noch die Metro gesperrt, „eine Sensation in dieser Stadt“.

Fast so sensationell war es, dass ein japanischer Trainer das Duo mit dem Auto ins Hotel fuhr. Chauffeursdienste für Athleten machen die normalerweise nicht. Aber Taxis fuhren nicht, Handys funktionierten nicht mehr, nur über Internet erreichte Iljana Marzok eine besorgte Frage ihrer Familie: „Wie weit seid ihr weg vom Tsunami?“ Rund 300 Kilometer, keine große Gefahr also, aber jetzt wussten die Berlinerinnen zumindest, was los war. Und dann kamen auch Details der Reaktorkatastrophe.

In der Nacht schliefen sie kaum vor Anspannung, nachts um vier bebte die Erde noch mal, Angstgefühle kamen auf. Am Flughafen hob ihre Maschine fünf Minuten früher ab als geplant. „Da war ich schon beruhigt“, sagt Iljana Marzok. Aber zurück ließen sie auch ein Land, dem sie emotional besonders verbunden sind. „Japan ist schon etwas Besonderes“, sagt Marzok, die Athletin vom SV Berlin 2000. Japan ist eine Judo-Nation, hier wird Judo an den Schulen gelehrt, hier wird es noch nach traditionellen Werten zelebriert, mit Verbeugung, besonderen Gesten des Respekts; das imponiert dem Duo. Das Nationalteam kommt regelmäßig zu Trainingslagern.

Der Kontakt mit japanischen Athletinnen ist eher oberflächlich, „sie sind eher scheu“, sagt Iljana Marzok. Ein bisschen Smalltalk, mehr ist selten. Aber sie sieht die Konkurrentinnen natürlich ständig bei Wettkämpfen, jetzt gilt denen das ganze Mitgefühl. „Irgendwie ist es unbegreiflich, dass es so gekommen ist“, sagt Franziska Konitz. Zehn Mal war sie schon in Japan, Iljana Marzok fünf Mal. „Es ist einfach toll, denen beim Training zuzuschauen“, sagt die 25-jährige Marzok. Sie kämpfen mit dieser vollendeten Technik, die Japanerinnen, sie haben einfach eine exzellente Grundausbildung.

Im Dezember, so ist der Plan, sollen sie wieder mit der Nationalmannschaft nach Japan fliegen. Ob es dazu kommt, niemand weiß es. „Darüber haben wir noch nicht nachgedacht“, sagen beide.

Ihnen geht ein anderer Gedanke durch den Kopf. „Welche Japanerinnen kommen überhaupt zum nächsten Wettkampf?“, fragt Franziska Konitz. „Da haben ja einige möglicherweise ihre Familien verloren.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben