Sport : „Auch die Griechen wollen immer mehr“

Nationaltrainer Otto Rehhagel über Fußball-Begeisterung und EM-Chancen

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Herr Rehhagel, haben Sie sich mit Herrn Stefanópoulos inzwischen eigentlich wieder versöhnt?

Wer ist das?

Der griechische Staatspräsident. Er wollte Sie und Ihre Nationalmannschaft Ende letzten Jahres für die geglückte EM-Qualifikation auszeichnen, aber keiner kam. Herr Stefanópoulos war etwas pikiert.

Ach ja, der Staatspräsident. Das war ein Missverständnis. Wir hatten danach in seinem Palast ein wunderbares Treffen mit der Nationalmannschaft. Es war ein wunderbares Gespräch, in herrlich angenehmer Atmosphäre. Das Ganze wurde von den Medien aufgebauscht.

Mit den Medien haben Sie nach der erfolgreichen Qualifikation mit den Griechen generell keine Schwierigkeiten – anders als zu Beginn Ihrer Tätigkeit.

Ich hatte überhaupt keine Schwierigkeiten. Für mich war immer nur Verbandspräsident Gagátsis wichtig. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Spielern hat vom ersten Tag an sehr gut geklappt. Ich habe ja auch die beiden so genannten Stars der griechischen Nationalmannschaft zurückgeholt, die sich eigentlich schon verabschiedet hatten – Nikolaídis und Tsártas. Und so hat sich eine harmonische Geschichte entwickelt.

Genau, entwickelt. So toll war das Feedback auf Ihre Arbeit am Anfang ja nicht.

Wir haben in der Qualifikation die ersten beiden Spiele verloren, zu Hause gegen Spanien und in der Ukraine. Da konnte man verlieren, aber natürlich waren die Leute hier enttäuscht. Entsprechend gab es Kritik, aber danach ist es ja immer besser geworden. Es hat sich ein großartiger Teamgeist entwickelt, und die Jungs kommen ganz im Gegensatz zu früheren Jahren wieder mit Begeisterung zur Nationalmannschaft.

Was Ihnen besonders wichtig war. Bei dem Vereinsfanatismus im Land hat das Nationalteam nun einmal keinen fürchterlich hohen Stellenwert.

Hatte. Jetzt hat sie ihn.

Auf Dauer?

Die Begeisterung ging ja schon los, als wir in der WM-Qualifikation für 2002 in England bis zur 96. Minute 2:1 führten. Jetzt haben wir uns qualifiziert, und das kommt natürlich auch bei den Politikern an. Dazu hat sich Herr Gagátsis ganz stark gemacht für die Nationalmannschaft, auch wenn bei unseren Wünschen manche Dinge dabei waren, die ihm vielleicht zu professionell vorkamen. Er hat alles unterstützt, wir haben ein neues Trainingszentrum gebaut, und jetzt sind wir auch dabei, an der Basis besser auszubilden und gerade in den weit abgelegenen Orten vernünftige Bedingungen für Jugendspieler zu schaffen.

Kurz nach der Qualifikation für Portugal ermahnten Sie das griechische Volk mit den philosophischen Worten, man müsse die Menschen auch im Misserfolg lieben. Eine Vorsichtsmaßnahme mit Blick auf die EM? Oder sind die Griechen mit der Qualifikation schon zufrieden?

Bei den Griechen ist es wie bei allen anderen Menschen auf der Welt: Je mehr man hat, umso mehr will man. Aber natürlich wissen die Leute ganz genau, dass wir keine Übermannschaft sind und dass die Qualifikation schon ein unglaublicher Erfolg war. Andererseits wollen wir in Portugal kein Kanonenfutter sein und zeigen, warum wir uns qualifiziert haben.

Das Gespräch führte Andreas Morbach

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