Sport : Auch die Spielkunst sagt ab

Ohne viele Verletzte und mit wenig Risiko erreicht die deutsche Nationalelf ein ödes 0:0 in Holland.

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Der ästhetische Höhepunkt. In einer schwachen Partie glänzt Benedikt Höwedes als einziger Deutscher, allerdings nur in der B-Note. Sein Spagat zwischen den Niederländern Eljero Elia (l.) und Bruno Martens Indi verdient Applaus. Foto: Reuters
Der ästhetische Höhepunkt. In einer schwachen Partie glänzt Benedikt Höwedes als einziger Deutscher, allerdings nur in der B-Note....Foto: REUTERS

Arjen Robben und Rafael van der Vaart rissen riesige Lücken in die deutschen Reihen. Per Mertesacker, Marco Reus und Mario Götze verloren den Anschluss an ihre Kollegen. Aber das war kurz vor dem Anpfiff, als Robben und van der Vaart die hier geehrten ehemaligen holländischen Nationalspieler Reiziger, Kluivert, Davids und van Nistelrooy am Spielfeldrand so ausgiebig begrüßten, dass sich hinter ihnen beim Einlaufen ein kleiner Stau bildete.

Im Spiel stimmten bei den Deutschen die Abstände. Sie verteidigten über weite Strecken mit Verstand und der nötigen Leidenschaft und erbrachten im letzten Länderspiel des Jahres den Beweis, dass die Fußball-Nationalmannschaft auch Abwehr kann. Das ging zwar zu Lasten der Offensivkraft, trotzdem hatten die Deutschen in der ersten Hälfte einige Gelegenheiten, das Spiel für sich zu entscheiden. Nach einer insgesamt dürftigen zweiten Hälfte endete die Begegnung in der Amsterdam-Arena jedoch mit einem durchaus treffenden 0:0.

Es wirkte daher fast wie Hohn, wenn Philipp Lahm später von einem „Superklassiker“ sprach. Aber er gab auch zu: „Wenn man das letzte Spiel 4:4 gespielt hat, dann ist es erstmal wichtig, dass die Defensive steht.“ Beide Mannschaften hätten „das Risiko gescheut“, sagte Mats Hummels; „keiner wollte einen Fehlpass spielen“, befand Manuel Neuer.

Bundestrainer Joachim Löw hatte etwas überraschend Lewis Holtby aufgeboten, der erst am Montag wegen akuten Personalmangels von der U 21 zur A-Nationalmannschaft befördert worden war. Nominell durfte sich der Schalker gleich als Zehner versuchen, während Mario Götze als einzige Spitze auflief. Doch die vier Offensivspieler der Deutschen wechselten so beständig ihre Positionen, dass es eigentlich gar keine festen Positionen gab. Bei den Niederländern saß Klaas Jan Huntelaar nur auf der Bank, obwohl sein interner Konkurrent Robin van Persie angeschlagen fehlte. Überhaupt mussten beide Trainer einige Lücken in ihren Kadern verwalten. Doch nicht nur bei den viel belasteten Nationalspielern besteht offensichtlich im Moment ein gewisser Überdruss; auch für das Publikum verliert ein Fußballklassiker seinen Reiz, wenn er alle sechs Monate aufs Neue ausgetragen wird. In der Amsterdam-Arena blieben gestern einige Plätze frei.

Was die Oranje-Fans dann zu sehen bekamen, wird ihnen auch nicht allzu sehr gefallen haben. Die Deutschen hatten von Beginn an so viel Ballbesitz, als hätte Louis van Gaal deren Spielphilosophie höchstpersönlich entworfen. Der Ball wurde von links nach rechts gespielt, von rechts nach links, von vorne nach hinten – und dann ging es wieder von Neuem los. Die Gäste suchten die entscheidende Lücke, so wie gleich in der vierten Minute, als Hummels einen vertikalen Pass durch die komplette holländische Hälfte spielte, Marco Reus den Ball allerdings nicht schnell genug unter Kontrolle bekam. Nicht immer war das deutsche Spiel so zielstrebig, was allerdings auch dem Umstand geschuldet war, dass das Team keinen gelernten Stürmer als Anspielpunkt in der Spitze auf dem Platz hatte.

Eins aber schafften die Gäste mit ihrer Spielweise auf jeden Fall: Die holländische Offensive wurde erfolgreich lahmgelegt. Mangels anderer Attraktionen bejubelten die Oranje-Fans sogar einen Freistoß in den Tiefen des Mittelfelds fast ekstatisch. Die Gastgeber kamen in der ersten Hälfte nur zu einer einzigen Gelegenheit, als der Schalker Ibrahim Afellay recht unbehelligt das Mittelfeld durchmessen und dann Robben frei spielen konnte; der Münchner hatte den Ball schon an Torhüter Manuel Neuer vorbeigelegt, schaffte es dann allerdings nicht mehr, ihn aufs Tor zu bringen.

Die Mannschaft von Joachim Löw blieb offensiv deutlich gefährlicher. Sechs mehr oder weniger gute Gelegenheiten hatte sie allein in der ersten Halbzeit. Die beste besaß Ilkay Gündogan unmittelbar vor dem Pausenpfiff. Von Marko Reus bedient, hatte der Dortmunder das holländische Tor in seiner ganzen Pracht vor sich – John Heitinga aber blockte Gündogans Schuss gerade noch.

Nach der Pause attackierten die Holländer etwas aggressiver, um das ewige Kreiseln der Deutschen früher zu unterbinden. Mit Erfolg. Das Niveau allerdings bewegte sich nun bei beiden Mannschaften gefährlich nahe an der Grenze des Erträglichen. Fehlpässe und Ballverluste häuften sich, Torgelegenheiten gab es lange Zeit überhaupt nicht mehr. Eine Viertelstunde vor Schluss aber musste Manuel Neuer dann doch einmal ernsthaft eingreifen. Der Torhüter lenkte einen platzierten Flachschuss von Außenverteidiger Daryl Janmaat gerade noch zur Ecke. Die Holländer wirkten nun etwas gieriger, das Spiel doch noch für sich zu entscheiden, während die Deutschen sich in der kompletten zweiten Hälfte keine einzige Torchance mehr erspielten, bis Reus in der Nachspielzeit den Ball über das Tor drosch. Der Schlusspfiff des Schiedsrichters kam an diesem Abend einer Erlösung gleich. Für Spieler und Zuschauer.

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