Sport : Auch keine Lösung

Die Bayern haben ein Sturmproblem, daran ändert auch Sandro Wagner nichts

Michael Neudecker[München]

Hermann Gerland ist ein ehrlicher Mensch. Floskeln mag er nicht, und in drei Minuten sagt er mehr als die meisten Fußballtrainer in dreißig. Und jetzt soll also er, Hermann Gerland, Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern München und anerkannter Talenteentdecker, etwas über Sandro Wagner sagen, jenen 19 Jahre alten Stürmer, der plötzlich bei den Profis der Bayern aufgetaucht ist, in jedem Vorbereitungsspiel zum Einsatz kam und von manchen Zeitungen schon als eine Art Retter beschrieben wird.

„Was soll ich dazu sagen?“, fragt Gerland, er klingt gereizt. „Nee, da sag ich lieber nichts dazu.“ Warum nicht? „Ich habe keine Lust, immer Negatives zu sagen, ich verstehe auch das ganze Gerede um den Wagner nicht. Der hat bei mir in der letzten Saison zwei Tore geschossen. Zwei Tore! Was soll ich da noch sagen? In der Regionalliga hat er nichts gebracht, und jetzt ist er bei den Profis.“

Ein wenig versöhnlich schiebt Gerland hinterher, Wagner sei ja noch jung, das könne ja noch werden, doch es ist nicht zu überhören: Für Gerland ist das Thema derzeit ein Reizthema. Weil Ottmar Hitzfeld den 19-Jährigen ins Trainingslager nach Donaueschingen mitgenommen und in den Testspielen regelmäßig eingesetzt hat. Und weil es zumindest fragwürdig ist, dass die Bayern nach dem Ausfall von Luca Toni auf einen Stürmer setzen, der in seiner letzten A-Jugend-Saison zwölf Tore erzielte und in seinem ersten Regionalligajahr in 30 Spielen zweimal traf.

Hitzfeld versucht, Wagner so gut wie möglich zu verkaufen: „Sandro hat gegen Sao Paulo gut mitgespielt“, sagt er. Und er erzielte immerhin fünf Treffer, gegen Gern, gegen Albstadt und gegen die „13 Höslwanger“, also gegen einen Kreisligisten, einen Landesligisten und einen Fanklub. Am Mittwoch, bei der 1:2-Niederlage gegen den Zweitligisten Borussia Mönchengladbach spielte Wagner 90 Minuten mit, es war eine ordentliche Leistung, er holte immerhin einen Freistoß heraus, den Bastian Schweinsteiger zum zwischenzeitlichen 1:1 nutzte. Doch dann kam die 52. Minute. Wagner kam völlig frei vor dem Tor zum Schuss – doch irgendwie beförderte er ihn am Pfosten vorbei. Genau das, sagt Gerland, hat er in der Regionalliga auch gemacht, ziemlich oft.

Es wäre verfrüht und ein wenig unfair, bereits ein endgültiges Urteil über einen 19-Jährigen zu fällen, der gerade seine ersten Wochen bei den Profis zugebracht hat und heute wohl auch im Ligapokal gegen Werder Bremen an der Seite von Miroslav Klose stürmen könnte. Das Problem liegt nicht bei Wagner, sondern grundsätzlich im Sturm der Bayern: Es mangelt an Alternativen. Lukas Podolski und Jan Schlaudraff versuchen gerade, Knorpelschaden und Bandscheibenprobleme auszukurieren, und Roque Santa Cruz, den die Münchner verkaufen wollen, ist nach der Copa America noch im Urlaub. Wenn dann wie jetzt Luca Toni ausfällt, kann Hitzfeld für die freie Position zwischen Wagner, dem 18-jährigen Dominik Rohracker und dem 29-jährigen Vitus Nagorny auswählen. Rohracker spielt in der A-Jugend, Nagorny wurde für die Regionalliga geholt, seine Bundesligakarriere beschränkt sich auf fünf Kurzeinsätze beim VfL Wolfsburg vor acht Jahren.

Als Ausweg wäre die Umstellung auf ein System mit Klose als einziger Spitze denkbar. Neuerdings gibt es jedoch noch eine zweite Variante: „Vielleicht verkaufen wir Santa Cruz erst Ende August“, sagt Manager Uli Hoeneß. Vielleicht wäre es nämlich gar nicht so schlecht, wenigstens drei nicht verletzte und erstligataugliche Stürmer im Kader zu haben.

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