• Auch Lars Riedel hat sein Wohnzimmer: Der Diskus-Weltmeister entdeckt das Züricher Stadion als Ort des Wohlbefindens

Sport : Auch Lars Riedel hat sein Wohnzimmer: Der Diskus-Weltmeister entdeckt das Züricher Stadion als Ort des Wohlbefindens

Robert Hartmann

"Es ist wie bei Boris Becker." Lars Riedel griff hoch. Zum siebten Mal hatte er am Mittwochabend beim Leichtathletik-Meeting "Weltklasse in Zürich", der fünften von sieben Golden-League-Stationen, das Diskuswerfen gewonnen. "Becker hat Wimbledon als Wohnzimmer. Es kann sein, dass ich das selbe vom Letzigrund sagen könnte." Es war gleichzeitig die Generalprobe für die Weltmeisterschaften in Sevilla, und der 32 Jahre alte Sachse gewann in Zürich mit der ausgezeichneten Weite von 67,64 m. Jedoch lag sein stärkster Gegner, der Litauer Virgilius Alekna, nur 18 Zentimeter zurück. Vier WM-Titel hat Riedel schon gewonnen, und dass der Zweimeter-Mann wieder nach den Sternen greifen kann, war lange nicht klar. Er tingelte nach Kräften durch Europa, ließ sich allein acht Mal vom 39-jährigen Jürgen Schult schlagen, und immer war die Rede von seinen Rückenproblemen, die seine medizinische Abteilung nun in letzter Minute offenbar in den Griff bekam.

Die Pechmarie der deutschen Leichtathleten konnte in Zürich endlich einmal zufrieden sein. Kristina da Fonseca-Wollheim belegte über 1500 m in einem exzellent besetzten Feld mit 4:01,55 Minuten Platz fünf. Doch mischte sich auch Wehmut in ihre Freude. Zu spät fand sie zur Weltklasseform. Der Verband hatte die WM-Mannschaft schon Anfang Juli aufgestellt. Sie wird daheim bleiben. Im übrigen war Meldeschluss am Dienstag, 24 Uhr gewesen. Bronchien, Weisheitszähne, ein Zeckenstich, der Rücken: Seit vier Jahren muss stets mit einem neuen Malheur erklärt werden, weshalb sie bei den internationalen Großeinsätzen daheim bleiben muss.

Rundum glücklich dagegen der 21 Jahre alte Schwabe Stefan Holz. Der deutsche Meister verbesserte sich um fünf Hundertstelsekunden auf 45,11 Sekunden, als B-Lauf-Sieger. "Man muss ja klein anfangen. Ich finde das okey", sagte er. "Zürich habe ich immer im Fernsehen erlebt. Da habe ich mir geschworen, einmal läufst du dort auch. Es war für mich immer ein Traum. Hier zu laufen ist herrlich." Um 12 Uhr 30 am Mittwoch hatte der angehende Speditionskaufmann sich erst von seinen Arbeitskollegen verabschiedet, am Donnerstagmorgen, sagte er, würden sie ihn wiedersehen.

In Form kommt auch Speerwerfer Boris Henry (87,53 m). Man bedenke: Vor der EM 1998 schied er mit unerträglichen Achillessehnen-Beschwerden aus. Nun übertraf ihn nur der Grieche Konstantinos Gatsioudis (89,53 m). Fünf deutsche Stabhochspringer hatte Zürich auch noch nicht gesehen. Hinter dem US-Amerikaner Jeff Hartwig (5,91 m) war der Mainzer Andrej Tiwontschik, der sich nicht für die WM qualifizierte, mit 5,80 ihr Bester. Danny Ecker (5,70) und Tim Lobinger (5,60 m) blieben mit international durchschnittlichen Höhen hängen. Michael Stolle schied bei der Anfangshöhe aus.

Souverän in ihrem jeweiligen Lauf traten auf: der Däne Wilson Kipketer über 800 m (1:43,01 Minuten), der Marokkaner Hicham El Guerrouj über 1500 m (3:28,58) und der Äthiopier Haile Gebrselassie (5000 m in 12:49,65), wobei hier Dieter Baumann Elfter wurde, seine 13:11,68 Minuten jedoch immer noch deutsche Jahresbestzeit bedeuteten. In der letzten Runde des Hindernislaufs rückte Christopher Kosgei bedrohlich nahe an Bernard Barmasai heran, probierte aber augenscheinlich nicht, ihn zum Duell zu fordern. Sie sind Stammesbrüder vom Keiyo-Volk, und vielleicht haben sie sich gedacht, dass Barmasai weiter im Millionen-Dollar-Spiel bleiben sollte. Kommt er durch bis zur siebten Station in Berlin, winken ihm 250 000 Dollar, sofern die US-Amerikanerin Marion Jones (200 m in 22,10 Sekunden), die Rumänin Gabriela Szabo (3000 m in 8:25,04 Minuten) und Kipketer bis dahin ebenfalls nicht aus dem Tritt geraten.

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