Auch Mönchengladbach leidet : RB Leipzig: Gekommen, um zu nerven

Das Projekt Rasenballsport erfreut sich nicht gerade größter Beliebtheit. Und der Fußball der Leipziger wird bei der Konkurrenz auch keine Freude auslösen.

von
Ganz schön ungemütlich. Die Leipziger machen es ihren Gegnern (hier dem Gladbacher Christoph Kramer, Mitte) nicht leicht.
Ganz schön ungemütlich. Die Leipziger machen es ihren Gegnern (hier dem Gladbacher Christoph Kramer, Mitte) nicht leicht.Foto: dpa

Ralph Hasenhüttl machte eine Miene, die perfekt zu seinen Worten passte. Seine Augen begannen zu strahlen, er lächelte selig – insofern deutete einiges darauf hin, dass Hasenhüttl seine Aussage tatsächlich ernst gemeint hatte. Der Trainer von Rasenballsport Leipzig vertrat nach dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach die Ansicht, dass seine Mannschaft gerade „eine sehr, sehr schöne Erfahrung“ gemacht habe.

Die Leipziger sind neu in der Fußball- Bundesliga, insofern kommen derzeit jede Woche neue Gegner und neue Erfahrungen hinzu. Und das Lernpensum ist intensiv: Der Aufsteiger kennt sich jetzt schon mit Kantersiegen aus (4:0 in Hamburg), hat das Thema später Punktgewinn (2:2 in Hoffenheim) ebenso abgehakt wie später Sieg (1:0 gegen Dortmund); am Mittwoch nun erfuhr er, wie es sich anfühlt, wenn ihm kurz vor Schluss ein fast schon sicher geglaubter Sieg noch entrissen wird. Fabian Johnson traf in der 84. Minute zum 1:1-Endstand.

Dass Hasenhüttl später von einer sehr schönen Erfahrung sprach, mag daran liegen, dass sie in Leipzig im Moment alles schön und toll finden. Der Aufsteiger ist immer noch ungeschlagen. Ohne den späten Ausgleich der Gladbacher aber lägen sie schon jetzt da, wo der Klub über kurz oder lang ohnehin verortet wird: auf einem Champions-League-Platz.

Leipzig hat fast doppelt so viel für neue Spieler ausgegeben wie Borussia Mönchengladbach

Rasenballsport ist eben kein normaler Aufsteiger. Dank Eigner Red Bull hat der Klub in diesem Sommer fast doppelt so viel Geld (knapp 50 Millionen Euro) in neue Spieler investiert wie die Gladbacher, die immerhin 45 Millionen Euro für Granit Xhaka erlöst haben und durch die Teilnahme an der Champions League mit weiteren 30 Millionen fest planen können. Die Leipziger hingegen müssen sich mit so banalen Dingen wie der Refinanzierung ihrer Investitionen nicht aufhalten. Schon das trägt – jenseits von Leipzig und Umgebung – nicht unbedingt zur Beliebtheit des Klubs bei. Der Fußball, den RB unter Hasenhüttl und Sportdirektor Ralf Rangnick als Mastermind des Projekts spielt, wird die Sympathiewerte bei der Konkurrenz auf Dauer auch nicht signifikant verbessern.

„Das ganze Spiel war hart“, sagte Gladbachs Torschütze Johnson nach der Extremerfahrung im Osten. Gerade in der ersten Hälfte ließen die Leipziger den Gästen kaum Zeit zum Atmen. Genau das ist ihr Plan: Sie stürzen sich in Vollspeed auf den ballführenden Gegner, setzen ihn in Überzahl unter Druck und zwingen ihn zu unkontrollierten Panikreaktionen. Die Borussen waren dem permanenten Stress in der ersten Halbzeit nur bedingt gewachsen. „Leipzigs Spiel ist relativ leicht zu lesen, aber unglaublich schwer zu bespielen“, sagte Trainer Schubert. „Du kannst dich dem nicht entziehen.“ Schon die Dortmunder hatten große Schwierigkeiten mit dem Aufsteiger, und die Gladbacher werden nicht die Letzten gewesen sein, die am Ende stöhnten. „Wenn die weiter so auftreten wie heute, werden nicht viele Mannschaften hier Punkte mitnehmen“, sagte Borussias Mittelfeldspieler Christoph Kramer.

Schön im eigentlichen Sinn ist das Spiel von Rasenballsport nicht. Es ist spektakulär durch seine Wucht, seine Intensität, seine Dynamik. Den Leipzigern geht es um Balleroberung, nicht um Ballzirkulation. Gegen die Gladbacher lag ihr Ballbesitz bei 42 Prozent, die Passquote bei 64. Aber das nehmen sie kalt lächelnd in Kauf, weil ästhetische Aspekte im Fußball nachrangig sind. „Wir legen ja nicht fest, was attraktiv ist“, sagte Andre Schubert, der mit seiner Mannschaft einen entschieden anderen Ansatz verfolgt. Einstweilen gibt der Erfolg Rasenballsport Recht.

Am Mittwoch waren die Leipziger 120 Kilometer gelaufen – so viel wie noch kein anderes Team in dieser Saison. Dazu wies die Statistik 650 intensive Läufe für sie aus, 120 mehr als bei den Borussen, außerdem 40 Sprints mehr. „Das ist Wahnsinn“, sagte Hasenhüttl über den körperlichen Aufwand seiner Mannschaft, noch dazu in einer englischen Woche. So scheint die Konkurrenz nur darauf hoffen zu können, dass die Leipziger dieses Pensum nicht über die komplette Saison durchhalten können. In acht Jahren in Hoffenheim und Leipzig haben Rangnicks Mannschaften nur zweimal in der Rückrunde mehr Punkte geholt als in der Hinrunde. Allerdings ist der Kader explizit auf die extremen Anforderungen der neuen Leipziger Schule ausgerichtet. Rangnick verpflichtet auch deshalb nur junge Spieler, weil sie körperlich leistungsfähiger sind und schneller regenerieren.

In den ersten drei Saisonspielen hatten die Leipziger alle ihre sieben Tore in der zweiten Halbzeit erzielt, am Mittwoch aber ließ die Intensität in ihrem Spiel nach der Pause erkennbar nach. Es war kein dramatischer Abfall, aber so selbstverständlich wie in die erste Hälfte erreichten die Leipziger die Endstufe eben auch nicht mehr. Allein darauf verlassen sollte sich die Konkurrenz auf Dauer allerdings nicht. Fabian Johnson sagte: „Es war keine Taktik von uns.“

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben