Sport : Auch nur ein Mensch

Michael Phelps ist neuer Weltrekordler im Sammeln olympischer Medaillen – doch im Moment des Triumphes wirkt der Amerikaner wie ein verschüchterter Junge.

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Jubeln kann ich immer noch. Michael Phelps freut sich über seine olympische Medaille Nummer 19. Foto: dapd
Jubeln kann ich immer noch. Michael Phelps freut sich über seine olympische Medaille Nummer 19. Foto: dapdFoto: dapd

Schade eigentlich, dass er in diesem Moment nicht spontan seine Gefühle ausleben konnte, die Fans hätten dann auf der Tribüne noch stärker applaudiert und noch mehr mit ihm gefeiert. Und noch mehr im Gefühl gelebt, dass hier gerade eine großartige sportliche Party abläuft. Der Lärm, dieses Kreischen, dieser Jubel, die Stimmung, die die 17 500 Menschen auf der Tribüne veranstalteten, die war ja schon enorm. Und Michael Phelps hätte sie alle mit einer kleinen Aktion emotional noch mehr erreicht. Denn Phelps sagte später: „Ich hätte am liebsten laut gelacht. Weil alles so cool war.“

Aber er konnte jetzt nicht lachen, noch nicht, er musste mit aller Macht Luft in seine Lungen pumpen, er hatte noch 25 Meter bis zur Wand. 25 Meter bis zum Sieg der 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel der USA, 25 Meter bis zur Unsterblichkeit. Michael Phelps, den jetzt besten Schwimmer aller Zeiten, trennten noch rund ein Dutzend Sekunden von seiner 19. olympischen Medaille. 18 hatte Larissa Latynina gewonnen, die russische Turnerin. Das war bis Dienstagabend Rekord. Bis Phelps anschlug.

Er lachte dann, als er am Beckenrand stand, er lachte wie High-School-Schüler bei einer Superfete. Und die Kulisse antwortete mit höllischem Lärm. Die ganze Anspannung löste sich in diesem Moment, auf beiden Seiten. Michael Phelps hatte an diesem Abend alles durchgemacht, sportliches Drama, Frust, Triumph. Hoch dosierte Emotionen im Zeitraffer. Und die Zuschauer und Millionen Fans am Fernseher lebten diese Gefühlswellen mit. Michael Phelps war der menschliche Star, dem man den Triumph gönnt, nicht der Roboter, dem man die Niederlage wünscht. „Ich hatte zeitweise Tränen in den Augen“, sagte Phelps.

Als der Südafrikaner Chad le Clos einen Wimpernschlag vor ihm seine Hände an die Wand patschte, da lag die Gefühlswelt des Michael Phelps in Trümmern. Silber nur über 200 Meter Schmetterling, es war wie ein Schlag in die Magengrube. Ein paar Zentimeter fehlten zum zweiten historischen Triumph. Phelps wäre der erste Schwimmer der Welt gewesen, der dreimal in Folge Olympiagold auf der gleichen Strecke gewonnen hat. Und diesen Triumph verhinderte ein 19-Jähriger, der bei der Siegerehrung heulte, weil Phelps sein größtes Idol ist. Le Clos’ Stimme klang belegt, als er sagte: „Es ist eine Ehre für mich, in einem Rennen mit Michael Phelps zu schwimmen.“ Er hielt seine Tränen zurück. Phelps hatte zu le Clos nach dem Rennen gesagt: „Gratuliere, genieße den Sieg.“ So ist jetzt Phelps. Ein fairer Athlet, der seinen letzten großen Wettkampf als würdigen Abschied gestaltet. Über le Clos sagte er: „Chad ist so hungrig und so stark, er wird noch viel erreichen.“

Phelps erreicht die Herzen, weil solche Sätze nicht wie ein herablassend-ironisches Lob kommen. Er ist schon der Größte, er hat es nicht nötig, seine sportliche Größe zu zelebrieren. Aber er bewegt sich nicht mal in der Nähe von dieser Rolle. Stattdessen sitzt er vor seinem Mikrofon, fährt sich mit den Händen durch die Haare und bittet um Verständnis, dass er jetzt noch ganz durcheinander ist. „Mir gehen so viele Emotionen durch den Kopf.“

Vor der Siegerehrung der Staffeln stand er mit seinen Kollegen in der Nähe des Podests, sie feierten eine Party. Doch nur drei von ihnen so ausgelassen wie kleine Kinder. Phelps blickte sie nur an, Schimmer in den Augen. „Sorry Jungs“, sagte er, „ich kann jetzt nicht mit euch feiern, ich muss heulen.“

Sie sind auch für ihn geschwommen, für seine 19. Goldmedaille. Ryan Lochte, sein großer Rivale, sein Kumpel, klopfte ihm auf die Schultern. In dieser Sekunde war das eine Geste größten Respekts.

Später sagte ein Reporter zu Phelps: „Sie sind ja wieder wie ein Mensch aufgetreten, sie gelten nicht mehr als der Außergewöhnliche, wie empfinden Sie das?“ Phelps blickte auf die Tischplatte und murmelte: „Ich war immer ein Mensch.“ Dann hob er den Kopf und erzählte, dass er sich gut fühle. Es wirkte wirklich so, als könnte er mit so einer Frage nichts anfangen.

Vielleicht war’s ja so. Denn Phelps redete auf einmal wie ein verschüchterter Junge, der froh ist, wenn man ihn in Ruhe lässt. Phelps redete von Yannick Agnel, dem Franzosen, der über 200 Meter Freistil alle Stars demontiert hatte. Phelps hatte für diese Strecke nicht gemeldet. „Ich habe viele große Schwimmer erlebt“, sagt er, Ehrfurcht in der Stimme, „aber jemanden wie Agnel bei diesem Rennen noch nie.“ Dann lachte er. „Ich bin froh, dass ich nicht dabei war.“

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