Sport : Auch ohne WM groß

Alfredo di Stefano wird heute 80 Jahre alt

Sven Goldmann

Den Tag im Sommer 1964, als Alfredo di Stefano Real Madrid verließ, bezeichnet Javier Marias noch heute als den furchtbarsten seines Lebens. Di Stefano ist schuld daran, dass Marias dem Fußball verfiel, und damit verdanken wir ihm eines der großartigsten Bücher, das je erschienen ist über dieses Spiel: „Alle unsere frühen Schlachten“, eine Hymne an die Schönheit des Fußballs, ins Bild gesetzt durch die Schönheit der Sprache. „Di Stefanos Art, den Ball zu stoppen, ist genauso unvergesslich wie der Gang John Waynes oder Henry Fondas“ – kann man einem Fußballspieler ein größeres, ein poetischeres Kompliment machen?

Alfredo di Stefano war die zentrale Figur in Reals Wundermannschaft, die fünfmal in Folge den Europapokal gewann. Er zelebrierte seine Kunst in einer Epoche, die noch nicht der Allgegenwart des Fernsehens geweiht war, in der noch Raum war für Fantasie, die für das Entstehen eines Mythos’ unverzichtbar ist. Den Spaniern gilt er immer noch als der größte Fußballspieler aller Zeiten. Großzügig übersehen sie, dass di Stefano von Geburt Argentinier ist. 1953 erst, als bereits 27-Jähriger, kam er zu Real. Wer ihn gesehen hat, der schwärmt von seinen Tempodribblings, von seinen Tricks, von seinem strategischen Genie. Javier Marias führt seinen Gästen in Madrid immer noch gern seinen Lieblingstrick von di Stefano vor: „Du nimmst den Ball mit rechts an, täuscht leicht an, der Gegner geht mit, und dann musst du den Ball rüberziehen …“ – an dieser Stelle bricht der Schriftsteller meist ab, denn auch ohne Ball sind die Bewegungen seines Idols nur bedingt nachzuvollziehen. Es soll Spiele gegeben haben, da hatte di Stefano die Parole ausgegeben, es dürfe der Ball nur mit der Hacke abgespielt werden. Auch solche Spiele gewann Real leicht und locker und schön. Als Gipfel seiner Schaffenskunst gilt das 7:3 im Finale des Europapokals 1960 gegen die bemitleidenswerten Statisten von Eintracht Frankfurt. Di Stefano und sein kongenialer Partner Ferenc Puskas, beiden spannte das weiße Trikot schon über dem Bäuchlein, zogen eine so beeindruckende Schau ab, dass dieses Spiel noch heute von den englischen Fernsehzuschauern regelmäßig zum besten Vereinsspiel aller Zeiten gewählt wird.

Vier Jahre später verließ der 38-jährige di Stefano Real unter derart entwürdigenden Umständen, dass Javier Marias sich zu einem Sakrileg hinreißen ließ: Der glühende Real-Fan drückte regelmäßig dem Gegner die Daumen, auf dass sein Verein einsehen möge, dass nur mit einer Rückkehr di Stefanos alles wieder gut werden könne. Di Stefano kam zurück, viele Jahre später als Trainer, aber die Aura, die ihn als Spieler umgeben hatte, sie war ihm in der neuen Funktion nicht gegeben. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag, natürlich in Madrid, und vielleicht schaut er sich das WM-Halbfinale Deutschland – Italien an, mit ein wenig Wehmut im Herzen. Denn Alfredo di Stefano, der beste Spieler seiner Zeit, er hat, hin- und hergerissen zwischen Spanien und Argentinien, nie bei einer Weltmeisterschaft gespielt.

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