Sport : „Auch uns hat das Geld eingeholt“

Arbeitgeberpräsident und Stuttgarts Fußballchef Dieter Hundt über reiche Russen, Anleihen und gescheiterte Börsengänge

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Herr Hundt, wie ist Roman Abramowitsch?

Sie meinen den steinreichen Russen, der den FC Chelsea gekauft hat? Wir hatten den Londoner Fußballverein zu Gast beim VfB in der Champions League. Beim Hinspiel in Stuttgart war Herr Abramowitsch nicht anwesend, ich habe nur seine Frau kennen gelernt, eine bildschöne Dame ist das.

Versteht sie etwas vom Fußball?

Darüber haben wir uns nicht unterhalten.

Dann werden Sie Abramowitsch in London zum Rückspiel sehen?

Nein, meine Terminplanung lässt dies leider nicht zu.

Wie bewerten Sie sein Treiben als Großeinkäufer von Vereinen und Spielern?

Er will einen Fußballverein besitzen, der im europäischen Maßstab einen hervorragenden Erfolg hat. Er hat sich für Chelsea entschieden, und er sponsert und finanziert diesen Verein in einer beneidenswerten Weise. Wie weit das erfolgreich sein wird, muss sich zeigen. Die Erfahrung lehrt zunächst einmal, dass Geld keine Tore schießt.

Ist es nicht gut, wenn frisches Kapital aus Osteuropa kommt?

Ich begrüße es, wenn sich Investoren – egal ob aus Ost- oder Westeuropa – für eine Beteiligung oder Übernahme von Fußballvereinen entscheiden. Meines Erachtens gibt es schlechtere Geldanlagen. Mich stört auch nicht, wenn es sich um einen Alleinaktionär handelt. Wir müssen akzeptieren, dass Profifußballvereine keine Turnvater-Jahn-Vereine mehr sind, sondern Wirtschaftseinheiten, für die wirtschaftliche Gesetze gelten.

Abramowitsch kauft Spieler aus allen Ländern zusammen. Wie lange geht das gut?

Natürlich fällt die Identifikation der Fans leichter, wenn der Kern der Mannschaft aus dem eigenen Land oder gar der eigenen Region kommt. Nehmen Sie Real Madrid. Die holten sich Zidane, Ronaldo und Beckham, und ringsherum haben sie sechs spanische Spieler aufgebaut. Der Investor hat im Endeffekt vor allem ein Interesse daran, dass sich sein eingesetztes Kapital gut verzinst. Dazu braucht er sportlichen Erfolg und die Begeisterung der Umgebung, Identifikation also.

Was macht Sie so sicher, dass ein Großinvestor nicht vierteljährlich auf die Rendite schaut?

Ich denke, dass er ein natürliches Eigeninteresse hat, gewisse Strukturen aus dem früheren Vereinsleben beizubehalten. Stichwort Nachwuchsarbeit. Ohne Forschung und Entwicklung geht es in der Wirtschaft nicht. Ähnliches gilt im Sport. Ich muss Talente erkennen und diese entwickeln. Keiner kann heute fünf neue Spieler einkaufen und sie am Ende der Saison durch fünf andere ersetzen. So wird kein Erfolg erzielt.

Viele Vereine haben das versucht und stehen vor dem Ruin, momentan der AS Rom.

Gewisse Entwicklungen im Profisport sind äußerst ungesund. Beim VfB streben wir höchstmöglichen sportlichen Erfolg an, unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Kriterien. Wir investieren und sanieren gleichzeitig.

Das hätten Sie mit einem Schlag geschafft, aber der VfB hat die 20 Millionen Euro, die er in der Champions League eingenommen hat, für Vertragsverlängerungen und Spielereinkäufe ausgegeben. Sieht so schwäbisches Wirtschaften aus?

Da widerspreche ich nachdrücklich. Die Einnahmen aus der Teilnahme an der Champions League haben wir teilweise zur Reduzierung des Schuldenstandes eingesetzt und darüber hinaus in den Betrieb investiert.

Die Verbindlichkeiten des VfB belaufen sich immer noch auf 17 Millionen Euro. Ihr Präsident Erwin Staudt hat gesagt, der VfB müsse wieder die Champions League erreichen, sonst drohen Engpässe.

Druck ist selbstverständlich da, weil wir einen europäischen Wettbewerb erreichen wollen. Natürlich haben wir uns verstärkt. Mit den Vertragsverlängerungen und den Neueinkäufen sind wir in Vorlage getreten, mit dem Ziel, dass wir uns mittelfristig in Deutschland und Europa in der Spitze etablieren. Wenn das nicht klappt, werden wir nicht zögern, die Kostenstrukturen zu korrigieren. Das heißt möglicherweise auch, Spieler zu verkaufen. Aber ich bin überzeugt, wir werden den sportlichen Erfolg sicherstellen.

Wie denn? Der Erfolg war nicht geplant. Dem VfB ist die Champions League quasi passiert.

Der Verein war gezwungen, auf den Nachwuchs zu setzen. Der Erfolg kam früher als erwartet. Im Sport ist Erfolg immer nur ein Stück weit planbar, aber nicht ohne weiteres bereits für die jeweils nächste Saison.

Wie planen Sie sportlichen Erfolg?

Indem eine entsprechende Vereinspolitik betrieben wird. Große Vereine machen das, siehe Milan, Real oder Bayern. Die fliegen zwar mal in der ersten Runde der Champions League raus, aber sie sind so stabil, dass sie im nächsten Jahr wieder drin sind.

Dortmund ist daran gescheitert.

Derartige Entwicklungen sind im Sport nie auszuschließen.

Ist mit Dortmund der Börsengang als Finanzierungsmodell für deutsche Fußballvereine gescheitert?

Gegenfrage: Ist eine negative Entwicklung des Aktienkurses eines Global Players Grund dafür, dass der Aktienmarkt nicht mehr interessant ist?

Aber Dortmund war der erste börsennotierte Verein in Deutschland. Es hätte ein Trendsetter sein können.

Akzeptiert. Weil es der erste Fall war, ist die Entwicklung besonders bedauerlich. Momentan ist es für viele Vereine völlig uninteressant, an die Börse zu gehen. Gleiches gilt übrigens derzeit auch für Unternehmen. Aber lassen Sie einen Verein, der nachhaltig Erfolg hat, an die Börse gehen, dann ist der Fall Dortmund bald vergessen.

Schalke 04 hat sich für eine Anleihe entschieden. Die haben für 85 Millionen Euro ihre Zuschauereinnahmen der nächsten 23 Jahre an den Londoner Investor Schechter verpfändet.

Das ist für einen schwäbischen Mittelständler eine schwer verständliche Variante. Die Vorstellung, Haus und Hof zu verkaufen und in der eigenen Hütte eigentlich nur noch geduldet zu sein, wäre schwer zu akzeptieren. Natürlich kenne ich die vertraglichen Details von Schalke nicht. Der VfB Stuttgart verfolgt eine andere Philosophie. Wir wollen uns eigenfinanzieren und nicht unsere Rechte für viele Jahre verkaufen. Wir haben im süddeutschen Raum ein riesiges Einzugsgebiet und ein großes wirtschaftliches Potenzial um uns herum. Das wollen wir nutzen.

Schalkes Kapital ist...

... die ,Verrücktheit’ der dortigen Menschen. Das meine ich positiv. Schalke ist ,Religionsersatz’. Ich verlasse mich lieber auf das wirtschaftliche Potenzial im Großraum Stuttgart.

Selbst die Bayern prüfen ein Anleihemodell.

Sie prüfen oder haben geprüft. Entschieden ist aber bisher nichts.

Außer, dass die Bayern an Ihrem Trainer dran sind. Felix Magath wird als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld gehandelt.

Fußball hat auch eine Showkomponente, das wissen alle. Felix Magath hat einen Vertrag bis 2005. Wir werden zu gegebener Zeit mit ihm über eine Verlängerung reden. Jeder gute Mitarbeiter, ob Spieler, Trainer oder Führungskraft in einem Unternehmen, ist ständig der Abwerbungsgefahr ausgesetzt. Das ist in meinem Betrieb genauso wie bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Darüber hinaus holen wir uns beim VfB auch gern gute Leute von außen.

Oder Sie verlängern mit Spielern wie Kuranyi und Hinkel, die nicht mehr die Leistungen bringen, seit sie höher dotierte Verträge haben?

Junge Spieler mit einer steilen Aufwärtsentwicklung haben immer mal eine Phase des Einbruchs oder der Stagnation. Wir haben unser Traumziel, die Gruppenphase der Champions League zu überstehen, erreicht. Danach ist es kaum zu vermeiden, dass einmal durchgeatmet wird. Aber natürlich hat uns auch das Geld ein wenig eingeholt.

Ist der VfB Opfer des eigenen Erfolgs?

Unsere Spieler kamen zum Großteil aus dem eigenen Nachwuchs und standen finanziell auf einer Ebene. Mit dem Erfolg geht es dann plötzlich um die eigene Prämie und um das eigene Einkommen. Durch die Vertragsverlängerungen mit den Spielern sind größere Unterschiede entstanden. So etwas ist nicht zu verhindern. Danach rennen die Jungs eine Zeit lang dem Erfolg nach. Mit jedem Spiel, das nicht so läuft, verlieren sie Selbstsicherheit und Selbstvertrauen. Schon der Sieg in Dortmund kann die Wende gewesen sein. Lassen Sie uns jetzt noch gegen Chelsea weiterkommen, dann läuft es wieder.

Das Gespräch führten Alfons Frese und

Michael Rosentritt.

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