• „Auch vier Leute sind machtlos“ Bernd Heynemann über Politik und die Schiedsrichter-Diskussion

Sport : „Auch vier Leute sind machtlos“ Bernd Heynemann über Politik und die Schiedsrichter-Diskussion

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Herr Heynemann, das sind keine leichten Tage für Sie, oder?

Warum? Ich schlafe ganz gut.

Aber Sie gehören zu den Buhmännern der Nation. Sie waren jahrelang BundesligaSchiedsrichter, jetzt sind Sie Politiker.

Naja, zum Glück bin ich in der CDU. Meine Partei steht nicht so unter Beschuss wie die Leute aus der Regierung. Die können einem ja fast Leid tun.

Ist es Zufall, dass zurzeit Politiker und Schiedsrichter so sehr gehasst werden?

Nein. Beide Berufsgruppen sind durchaus vergleichbar. Politiker und Schiedsrichter müssen Entscheidungen fällen, die manchen gefallen und manchen nicht. In der Regierung hat man verschiedene Lobby- und Berufsgruppen gegen sich. Und auf dem Fußballplatz fühlt sich plötzlich eine Mannschaft oder ein Trainer benachteiligt. Wenn man Pech hat, macht noch die Presse mobil.

Und das wird jetzt mit dem vierten Schiedsrichter anders?

Gewaltenteilung ist immer gut, auch auf dem Fußballplatz. Der vierte Schiedsrichter kann helfen, die Gemüter zu beruhigen. Aber ohne schärfere Sanktionen gegen lamentierende Trainer und Spieler sind auch vier Leute machtlos. Die Schiedsrichter brauchen noch mehr Rückhalt – und keinen Psychologen.

Der Druck wird also nicht abnehmen?

Wer in der Öffentlichkeit steht, muss mit Beschimpfungen klarkommen. Da muss man einen Panzer aufbauen und sich sagen: Die anderen kümmern mich nicht. Als Schiedsrichter habe ich mir nach einem Spiel nie Zeitungen gekauft. Bei den Journalisten war sowieso immer der Schiri schuld.

Jetzt kommt wieder die übliche Presseschelte…

Nein, nein. Natürlich machen Schiedsrichter auch Fehler, genauso wie Politiker. Schlimm wird es nur, wenn versucht wird, einen Fehler durch einen anderen auszugleichen. Ein Schiedsrichter bekommt Probleme, wenn er sagt: Vorhin habe ich einen wackligen Elfmeter gegeben, jetzt gebe ich der anderen Mannschaft auch einen. Und wenn die Regierung heute erzählt, sie will die Frühverrentung fördern und morgen sagt, das Rentenalter soll erhöht werden, dann passt das nicht zusammen. Ein Fehler plus ein Fehler sind zwei. Das ist ganz einfache Mathematik.

Wie kann denn die Regierung da wieder rauskommen?

Neues Spiel, neues Glück. So einfach ist das – und so schwer. Beim nächsten Mal muss man halt von vorn anfangen mit einem klaren Ziel im Kopf und mit Lockerheit. Aber wenn ich den Bundeskanzler derzeit so sehe, dann muss ich sagen: Der hat kein Konzept. Und der ist überhaupt nicht locker.

Wundert Sie das?

Nein. Als Politiker hat man keine große Lobby. Alle beschweren sich über uns. Alle wollen Reformen, aber bitte nicht bei sich. Als Schiedsrichter ist es noch schlimmer. Die Spieler können sich immer rausreden. Wenn sie das Tor nicht treffen, sagen sie: Der Rasen war nicht gemäht. Oder: Die Schuhe waren nicht richtig gepflegt. Und nach einem Spiel stellen sich die Vereins-Präsidenten und Trainer vor die Kameras und sagen: Die Schiedsrichter sind schuld.

Das klingt aussichtslos.

Das Leben als Schiedsrichter ist grotesk. Das einzige Lob, das man bekommen kann, ist Schweigen. Wenn niemand etwas über deine Leistung sagt, ist das ein Kompliment. Kein Mensch klopft dir auf die Schulter. Nach und nach habe ich mich daran gewöhnt. Das hilft mir heute, ein Politiker zu sein.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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