Sport : Auf Biegen und Boxen

Das ZDF zeigt jetzt sogar blutige Frauen-Nasen – weil die Quote stimmt und die Showeffekte anscheinend vom Fernsehpublikum akzeptiert werden

Joachim Huber,Michael Rosentritt

Von Joachim Huber und

Michael Rosentritt

Zicken-Duell oder Boxkampf? „Hammer-Halmich gegen Eisen-Nadja“ oder der WM-Fight im Fliegengewicht zwischen Regina Halmich und Nadja Loritz? Wolf-Dieter Poschmann sah am Sonnabend „vor dem Kampf viel, sehr viel Show und im Ring eine hochathletische Regina Halmich boxen“. Poschmann ist Sportchef des Zweiten Deutschen Fernsehens, das mit dem Veranstalter des Boxabends in der Essener Grugahalle, der Universum Box-Promotion, innig verbunden ist. „Seit Juni 2002 läuft unser Vertrag, bis 2007 soll der Box-Stall jedes Jahr zwischen mindestens zwölf und maximal 17 Kampfabende zusammenstellen, die das ZDF live überträgt“, sagt Poschmann.

Nachdem fast ein Jahrzehnt lang Boxen bei der privaten Konkurrenz geflimmert war, wollen jetzt die öffentlich-rechtlichen Sender „mit erstklassigem Sport erstklassige Quoten erzielen“. Am Sonnabend ist die Rechnung aufgegangen: Mit der Übertragung des Halmich-Kampfes im Rahmen des „Aktuellen Sport-Studios“ konnte die Quote der Sendung, die während der Bundesliga-Winterpause durchschnittlich zwei Millionen Zuschauer betrug, auf 3,6 Millionen hoch gehievt werden. Die Box-Nacht von Mitternacht an sahen rund drei Millionen. Das ist um diese Zeit sehr zufriedenstellend, zumal das gewohnte ZDF-Programm, die x-te Wiederholung eines Spielfilms, an diese Quoten-Höhe nie heranreichen würde. „Das muss auch so sein“, sagt Poschmann, „wer ein Programm verdrängt, der muss signifikant bessere Zuschauerzahlen erreichen.“

Vor allem aber will das ZDF mit der Übertragung von Klitschko-Kämpfen in jene Regionen vorstoßen, die RTL zu Zeiten eines Henry Maske oder Axel Schulz erzielte. Bis zu 18 Millionen Menschen sahen damals zu, als der weiche Riese aus Frankfurt an der Oder gegen François Botha um die Schwergewichtsweltmeisterschaft boxte. Die ARD überträgt die Kämpfe von Sven Ottke und Co., die zum Sauerland-Stall gehören. Auch bei ihnen stimmt die Quote. Doch wer die Klitschkos und Ottke will, muss auch Kleinringveranstaltungen wie die aus Essen übertragen. Den Rahmen des Sports, das „Ballyhoo, die Showeffekte und die drastischen Sprüche, auch den Klamauk in der Boulevardpresse“, kann Poschmann akzeptieren. Wäre sonst das Eisschnelllaufen so rasch so populär geworden? Dem Boxsport und seiner Fernseh-Übertragung werde zusätzliche Öffentlichkeit verschafft, und doch muss garantiert sein, „dass wir in erster Linie Sport übertragen“. Der ZDF-Sportchef sagt, das Publikum wolle auch beim Frauenboxen „einen ernsthaften Kampf zweier Sportlerinnen sehen, die sich vom Kopf bis zu den Füßen als Athletinnen definieren“. Für „Rummel-Boxen und dergleichen“ sei kein Platz.

Nun braucht ein Fernsehsport, wenn er beim größeren Publikum erfolgreich sein will, mehr als saubere Athletik, er braucht „Typen, Geschichten, Emotionen“, sagt Poschmann. „Auf keinen Fall darf sich ein Sportler oder eine Sportlerin verstellen, nicht ein anderer sein wollen, als er oder sie ist.“ Das Publikum würde die Verstellung merken und übel nehmen.

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