Sport : Auf dem Pfad der Jugend

Der FC Schalke 04 setzt auf junge Spieler, weil die erfahrenen Profis den Ansprüchen nicht mehr genügen

Richard Leipold

Gelsenkirchen. Der Schalker Manager Rudi Assauer wollte seinen Trainer nicht einfach so gehen lassen. „Josef, bleib mal hier und reagier dich ein bisschen ab!“, rief er, als Jupp Heynckes von seinem Platz aufstand. Abreagieren im Gespräch mit den Reportern, das mag für manchen ein verlockendes Angebot sein, zumal nach einem dürftigen 2:2 gegen den Abstiegskandidaten Hannover 96. Heynckes aber schlug die Offerte aus. Er kletterte vom Podium und ließ den Manager allein sitzen.

Auch ohne die Gesellschaft des Trainers fand Assauer eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Vor ihm lag ein Stück Papier, das die Chance bot, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der Manager betrachtete die Mannschaftsaufstellung des FC Schalke 04 und staunte. Wer vor einem halben Jahr eine derart jugendliche Schalke-Elf angekündigt hätte, dem hätte er geantwortet: „Du bist bekloppt.“

Wie eine Woche zuvor bei der 0:3-Niederlage bei Eintracht Frankfurt mussten die Schalker gegen Hannover 96 auf fünf Stammkräfte verzichten. Heynckes bot Spieler wie Fabian Lamotte, Sergio Pinto und Thomas Kläsener auf, später auch Mike Hanke. Deren Bemühen wollte Assauer nicht gering schätzen, aber er kam nicht umhin festzustellen, dass der FC Schalke „Profis, die eine gewisse Klasse haben wie Poulsen oder Kobiaschwili, nicht ersetzen“ könne. „Du bist halt nicht komplett, das kannst du nicht kompensieren.“

Ist der von Trainer Heynckes propagierte Pfad der Jugend trotzdem richtig? Assauer reagierte säuerlich, nicht auf die Frage, sondern auf die Antwort vieler Fans. Wie die Anhänger zu der jungen Generation stehen, wenn deren Mitglieder Fehler begehen, habe jeder gesehen – und gehört, „vor allem beim Pfeifkonzert in der ersten Halbzeit“. Während die Nachrücker erst am Anfang stehen, hat manch erfahrener Spieler keine günstige Prognose auf Schalke. In der Schlussphase sah Heynckes sich genötigt, Profis wie Victor Agali oder Jochen Seitz einzuwechseln, die gehobenen Bundesliga-Ansprüchen auch als Männer in den besten Fußballerjahren nicht genügen.

Zu einer Spitzenmannschaft fehlt den Schalkern immer noch einiges, vor allem aber ein Ideengeber im Mittelfeld. Dort, wo das Spiel gemacht wird, tummeln sich kickende Umstandskrämer. „Wir müssten schneller, spritziger, lebendiger spielen“, sagt Heynckes. Aber wer sollte das tun? Wenn der Belgier Sven Vermant mit der Regiearbeit betraut wird, spricht das für ein gewisses Maß an Verzweiflung. Aber solange in Niels Oude Kamphuis einer der wenigen halbwegs geeigneten Kandidaten im Schalker Kader für diese wichtige Position ausfällt, bleibt Heynckes nichts anderes übrig, als den Mangel einigermaßen zu verwalten – und nach einem kreativen Kopf für die Zukunft Ausschau zu halten.

Ohne einen solchen Spieler wird es den Schalkern, trotz der Verpflichtung des derzeit besten Bundesligatorschützen Ailton, auch in der nächsten Saison schwer fallen, massive Abwehrblöcke der Marke Hannover 96, Hansa Rostock, VfL Wolfsburg oder München 1860 zu durchbrechen, zumal nicht jeder Gegner mit einem Eigentor hilft, wie es Hannover 96 in Person des Verteidigers Per Mertesacker tat. „Wir wissen, was wir zu tun haben“, sagte Jupp Heynckes mit Blick auf die Personalentwicklung.

Das Einzige, womit der Schalker Trainer gegen Hannover zufrieden sein konnte, war die Moral der Mannschaft. Obwohl Thomas Brdaric den Tabellensechzehnten zweimal in Führung geschossen hatte, stemmten die Schalker sich gegen die dritte Heimniederlage in dieser Saison, die der Däne Ebbe Sand in der Schlussoffensive mit dem Tor zum 2:2 verhinderte. Ob sie aber auch das Scheitern im Kampf um einen Europapokalplatz noch abwenden können? Gegen Hannover sah es nicht so aus, zumal der VfL Bochum als Tabellenfünfter schon fünf Punkte Vorsprung vor Schalke besitzt.

Kapitän Sand sieht den unmittelbaren Vergleich mit dem Reviernachbarn am kommenden Samstag als letzte Chance. „Das ist ein Endspiel“, sagt er. „Wir müssen gewinnen, sonst ist der Zug abgefahren.“

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