Sport : Auf dem Sprung

Vor einem Jahr hat sich Hertha darüber gefreut, einen Weltmeister zu haben – jetzt freut sich der Verein, dass Luizao auch Tore schießt

Stefan Hermanns

Berlin. Huub Stevens wird schon wissen, dass er Luizao seinen Job als Trainer bei Hertha BSC zu verdanken hat. Nicht weil der Brasilianer in den beiden Spielen gegen Hansa Rostock jeweils ein Tor geschossen hat. Als Luizao am Dienstag in der 75. Minute für Nando Rafael den Platz verlassen musste, gab er dem 19-jährigen Angolaner noch einen Spezialauftrag: „Komm, Nando“, sagte Luizao, „mach dein Tor!“ Rafael wartete bis zur letzten Sekunde des Spiels, dann erzielte er den Ausgleich zum 2:2 und rettete Hertha BSC ins Elfmeterschießen.

Es läuft im Moment ganz gut für Luizao bei Hertha BSC. Zwei Tore hat er innerhalb von vier Tagen erzielt, jeweils das 1:0 gegen Rostock, und jetzt scheinen die Mitspieler auch noch auf seine Ratschläge zu hören. „Ich habe sehr gut trainiert, und ich fühle mich wohl“, sagt der Brasilianer. Das mit dem guten Training ist nicht neu. Wenn Luizao in Berlin etwas getan hat, dann gut trainiert. Zumindest hat Trainer Stevens das immer wieder behauptet. „Lui hat gut trainiert“, hat er ungefähr im Vier-Wochen-Rhythmus gesagt – immer dann, wenn er gefragt wurde, ob Luizao denn jetzt endlich mal eine Chance bekomme. Gespielt hat dann im Sturm Michael Preetz. Oder Alex Alves (vorige Saison). Fredi Bobic. Artur Wichniarek. Oder Nando Rafael (diese Saison). „Ich habe mir das auch anders vorgestellt“, sagt Luizao.

Drei Tore hat der brasilianische Stürmer in seiner ersten Saison für Hertha geschossen, eins im Uefa-Cup und zwei in der Bundesliga. In seiner Heimat habe das keiner glauben können, hat Luizao einmal erzählt, „da habe ich Tor um Tor erzielt“. Es sei nicht leicht, sich in einer solchen Situation in einem fremden Land zurechtzufinden. Und trotzdem, so sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß, sei Luizao in der Mannschaft nie ein solcher Außenseiter gewesen, wie es sein Landsmann Alex Alves war.

Im Grunde symbolisiert der bisherige Werdegang Luizaos in Berlin den Zustand der Hertha im ausgehenden Jahr 2003. Die Aufregung war groß, als der Verein im Sommer des vergangenen Jahres einen echten Weltmeister aus Brasilien, wiederhole: WELTMEISTER aus BRASILIEN, verpflichten konnte. Doch die daraus erwachsenen Erwartungen hat Luizao nie erfüllen können. Zuerst war er zu dick, dann nicht fit, dann verletzt, dann wieder nicht fit und irgendwann wieder verletzt.

So wie Luizao ist es in diesem Jahr der ganzen Hertha ergangen. Die ohnehin hohen Ansprüche sind vor der Saison noch einmal angefacht worden, doch wie bei der Verpflichtung des Brasilianers entbehrten sie offensichtlich einer gesunden Grundlage. In beiden Fällen hat sich der Verein blenden lassen: von den großen Namen der drei Neuen in diesem Jahr (Kovac, Bobic, Wichniarek) wie von dem schicken Titel (Weltmeister) bei Luizao. Die Verpflichtung des Brasilianers war in erster Linie eine Frage des Prestiges. Seht her!, so lautete die Botschaft, die Hertha ist inzwischen so groß, dass sie sogar für einen leibhaftigen Weltmeister eine attraktive Adresse geworden ist. Eine sportliche Notwendigkeit aber, Luizao zu Hertha zu holen, hat es nie gegeben.

Der 28-Jährige ist von seiner Spielweise her alles andere als der typische Brasilianer. Luizao tanzt nicht mit dem Ball – er benutzt ihn. Sein Stil ist europäisch, nüchtern, zweckorientiert. Er muss im Strafraum angespielt werden, damit er seine Stärken einbringen kann. So wie in Rostock, als ihn im Bundesligaspiel ein Pass von Fredi Bobic erreichte und drei Tage später, im Pokal, ein Freistoßball von Marcelinho auf dem Fuß landete. „Luizao hat jetzt angedeutet, wofür wir ihn verpflichtet haben“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Was Luizao kann, konnte auch Michael Preetz, und weil sich beide Stürmer in ihrer Spielweise zu sehr ähnelten, sprach Hoeneß schon früh einen Unvereinbarkeitsbeschluss aus: Wenn Preetz spielt, kann Luizao nicht spielen. Theoretisch galt das auch umgekehrt. Doch weil Preetz fast immer spielte, blieb für Luizao nur der Platz auf der Bank. Nie habe er so sehr gelitten wie in der vorigen Saison, sagt er. Luizao fühlte sich wie im Gefängnis. „Da ist eine Mauer, die ich durchbrechen muss“, hat er vor der Saison gesagt.

Michael Preetz hat im Sommer seine Karriere beendet. Luizao hätte also sein Nachfolger werden können. Doch anstatt einen Stürmer zu verpflichten, der zu Luizaos Spielweise passte, holte Hertha Fredi Bobic und Artur Wichniarek, zwei Mittelstürmer und zumindest im Falle Bobic einen echten Strafraumspieler wie Preetz – und Luizao. Bobic immerhin hat sich jetzt für den Brasilianer als Partner an seiner Seite ausgesprochen: „Zurzeit hat er den richtigen Touch und den richtigen Riecher.“ Luizao selbst ist froh, dass er überhaupt spielen darf. „Meine Aufgabe ist es, Hertha zu helfen“, sagt er. In dieser Woche hat Luizao zum ersten Mal gezeigt, dass dies möglich ist.

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