Sport : Auf dem Sprungbrett

Lewis Holtby ist bei Schalke Leistungsträger. Nun soll er als Kapitän die U-21-Nationalelf zur EM führen.

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Ein Teeniestar wird erwachsen. Die Zeit der Bruchweg-Boys ist vorbei, Lewis Holtby ist professioneller geworden. Foto: dapd
Ein Teeniestar wird erwachsen. Die Zeit der Bruchweg-Boys ist vorbei, Lewis Holtby ist professioneller geworden. Foto: dapdFoto: dapd

Gelsenkirchen - Die Kopfhörer wirken ein wenig überdimensioniert. Lewis Holtby ist mit seinen 1,76 Metern schließlich nicht gerade das, was man einen Riesen nennt. Aber dieses technische Utensil gehört derzeit genauso selbstverständlich zum Zeitgeist eines jungen Fußballprofis wie ein Berater, der sich um alle Karrierefragen seines Mandanten kümmert. Diese hochmodernen Ohrmuscheln sind derzeit allerdings das Einzige, was Lewis Holtby als äußerliches Erkennungsmerkmal eines noch recht frisch in das Bundesligageschäft gerückten, talentierten Profis aufweist. Der 22-Jährige ist derzeit auf dem Weg, den Sprung ins Establishment der höchsten deutschen Spielklasse zu wagen. Die dafür nötige ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Beruf hat er sich spätestens seit dem Sommer selbst auferlegt.

Die Zeiten der Bruchweg-Boys, als Holtby bei Mainz 05 gemeinsam mit Adam Szalai und André Schürrle in der Bundesliga zwar für Furore sorgte, aber auch außerhalb des Platzes seinen Spaß suchte, sind vorbei. Beim FC Schalke 04 haben ihn die Verantwortlichen um Trainer Huub Stevens in die Verantwortung genommen. Der Verlust des nach Katar abgewanderten Superstars Raúl soll auf mehrere Schultern verteilt werden. Und einer dieser ausgewählten Spieler ist Lewis Holtby. „Ich bin froh, dass ich in solch einer Mannschaft mit so vielen guten Spielern dabei sein darf“, sagt der sonst so selbstbewusste Holtby ungewohnt schüchtern. Der gebürtige Erkelenzer hat sich besonders intensiv auf seine Aufgabe vorbereitet.

Vor der Saison engagierte er einen persönlichen Fitnesstrainer, nahm einige Kilos ab und ist mittlerweile so laufstark und so beweglich wie nie zuvor in seiner jungen Karriere. „Er macht seine Sache gut. Aber er kann auch noch einiges lernen“, sagt Manager Horst Heldt. Zu Holtbys Stärken gehören neben der feinen Technik und seinem guten Spielverständnis seine Emotionalität sowie seine teils unbedarfte Herangehensweise an die Aufgaben. Diese Eigenschaften können manchmal aber noch zu seinen Schwächen werden. Übereifer, Schludrigkeit und fehlerhaftes Spiel begleiten dann sein Spiel.

In Gelsenkirchen haben sie Geduld mit dem Mittelfeldspieler, weil sie wissen, dass er häufig noch Formschwankungen unterliegt: von überragenden Partien wie jüngst gegen den VfL Wolfsburg bis zu Begegnungen wie gegen den FC Bayern, in denen er völlig untergeht. Lewis Holtby steht für die Zukunft der Schalker. Und er steht an einem Punkt, wo er den Status als Talent hinter sich lassen muss.

Dafür wäre der Sprung auf die höchste Stufe der Anerkennung im Profifußball eine willkommene Aufwertung. Als Kapitän der U-21-Nationalmannschaft, die beim Deutschen Fußball-Bund noch unter der Überschrift „Talente“ geführt wird, ist er als Kapitän bereits seit längerer Zeit in eine verantwortliche Rolle geschlüpft. Am Freitag führt er die Mannschaft im Play-off-Hinspiel zur EM-Qualifikation gegen die Schweiz aufs Feld. Das Rückspiel wird vier Tage später in Luzern ausgetragen. Holtby betrachtet dieses DFB-Nachwuchsteam bei allem Ehrgeiz („wir wollen Europameister werden“) aber vor allem als Sprungbrett. „Durch einen Erfolg bei einem solchen Turnier geht auch die Tür zur Nationalmannschaft auf, wie man bei den Europameistern von 2009 gesehen hat“, sagt er. Zweimal hatte ihn Bundestrainer Joachim Löw bereits berufen. Erstmals im November 2010, zuletzt im Juni 2011, wo er für zwei Minuten eingewechselt wurde. Seitdem ist es ruhig um Holtby und die Nationalmannschaft geworden. Sollte er künftig wieder eine Einladung ins A-Nationalteam erhalten, wird er in jedem Fall seine Kopfhörer im Gepäck haben. Jörg Strohschein

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