Sport : Auf dem Weg nach Hause

Die Bayern greifen die Spitze an – weil sie nun unter Trainer Klinsmann so spielen wie zu alten Zeiten

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Im Vergleich zu Mitbewerbern wie Leverkusen, Hoffenheim oder Hamburg besitzen die Bayern einen strategischen Vorteil. Sie brauchen nach einer Serie von Siegen nicht über Zielkorrekturen nachzudenken, sie brauchen sich nicht mit möglichen Nebenwirkungen befassen. Wenn die Münchner die fünfte Bundesligapartie nacheinander gewinnen, entwickeln sie so etwas wie Heimatgefühle. Zwar sind sie nach dem 2:1 in Schalke noch nicht dort angekommen, wo sie sich zu Hause fühlen, an der Spitze der Bundesligatabelle. Aber nach dem Marsch aus dem Mittelfeld fehlt ihnen nur noch ein Punkt. Nach ihrem Selbstverständnis stehen die Bayern gewissermaßen vor der Haustür. „Wenn wir so weiterarbeiten, wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann wir wieder auf Platz eins stehen“, sagt Trainer Jürgen Klinsmann. Dieses Ziel wolle er „so schnell wie möglich“ erreicht sehen.

So holprig die Abwehr in Schalke zuweilen gewirkt haben mag, die Bayern könnten in dieser Partie mehr als drei Punkte gewonnen haben. Nicht etwa weil sie die Schalker, einen vermeintlichen Konkurrenten, vorerst, vielleicht auch für länger distanziert haben. Die Münchner schicken sich an, die Bayern-Mentalität, einen Spezialfall von Siegermentalität, zurückzugewinnen. Klinsmann umreißt kurz und knapp, wo er die Tatherrschaft im Titelkampf ansiedelt. „Es liegt nur an uns.“ Das ist das alte Selbstbewusstsein, neu vorgetragen von einem smarten Erneuerer, der auch sich selbst bestätigt sieht. „Die Spieler sehen, dass sie fit sind und die harte Arbeit anfängt, Früchte zu tragen.“

Der Sieg in Schalke mag schwergefallen sein, aber er wiegt auch schwer. Uli Hoeneß, der Bayern-Manager, genießt das zurückerlangte „Mir-san-mir-Gefühl“, das unter einem Berg Klinsmann’scher Reformen verschüttet schien, aber allmählich wieder freigelegt wird. Im Vorgriff auf die Zukunft will er schon erste Zeichen der Schwäche unter den Mitbewerbern bemerkt haben. Neben drei Punkten und einem Zuwachs an Selbstvertrauen bildete die Ausstrahlung auf andere den dritten Münchner Gewinnposten an diesem für Hoeneß wunderbaren Wochenende. „Die anderen spüren den heißen Atem des FC Bayern, damit kommen manche nicht zurecht.“ Hoeneß meinte offenbar den alten Tabellenführer Hoffenheim, der in Berlin verlor, und den neuen Spitzenreiter Leverkusen, der in Karlsruhe trotz 3:0-Führung nur ein Remis erreichte.

Auch die Schalker dürfen sich angesprochen fühlen, obwohl sie schon vor der Niederlage hinter den Bayern platziert waren. Dem frühen Gegentor von Luca Toni zum Trotz hatten sie in der ersten Hälfte eine famose Leistung geboten. Sie vermochten aber nur bei Jeferson Farfans Ausgleichstor die Lücken zu nutzen, die sich bei den Münchnern auftaten. In der zweiten Halbzeit fiel die Heimelf mehr und mehr vom Glauben ab. Der Gelsenkirchener Trainer Fred Rutten merkte zutreffend an, die „größere Effizienz“ habe den Ausschlag zugunsten des Deutschen Meisters gegeben.

Mit ihren beiden Toren setzten die sonst minimalistisch eingestellten Bayern spielerische Glanzlichter. Sie strahlen wieder eine Sicherheit aus, die nicht einmal der zuweilen unsichere Torwart Michael Rensing zu mindern vermochte. Und sie deuten den Marsch an die Spitze als eine Art bajuwarisches Gewohnheitsrecht. Hoeneß sagt: „Wenn wir die Tabellenführung erst einmal zurückhaben, geben wir sie nicht mehr her.“

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