Auf dem Weg zur WM : Darf’s ein bisschen mehr sein, Christoph Kramer?

Christoph Kramer stand vor wenigen Wochen nur im Perspektivkader für das Länderspiel gegen Polen. Doch nun hat der Gladbacher beste Chancen, zur WM nach Brasilien zu fahren. Für ihn ist es "wie ein schöner Traum, aus dem man nicht aufwacht".

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Tüchtiger Typ: Christoph Kramer konnte beim Nationalteam schon überzeugen. Foto: dpa
Tüchtiger Typ: Christoph Kramer konnte beim Nationalteam schon überzeugen.Foto: dpa

Christoph Kramer ist ein wenig nachlässig geworden. Bei ihm ist einiges liegen geblieben. Normalerweise schreibt Kramer über jedes seiner Fußballspiele einen kleinen Bericht. Meistens ist es nur eine Seite, bei besonderen Spielen darf es auch mal ein bisschen mehr sein. Vor zwei Wochen hat Kramer ein ziemlich besonderes Spiel bestritten: in Hamburg gegen Polen, es war sein erstes für die Nationalmannschaft. Aber der Bericht dazu ist immer noch nicht fertig. „Ich hatte noch keine Zeit“, sagt er. „Ich muss auch noch ein paar Bundesligaspiele aufholen. Das ist alles noch nicht so richtig angekommen.“

Der defensive Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach hat derzeit einiges zu verarbeiten. Vor drei Wochen hätten ihn wohl selbst regelmäßige Sportschaugucker nicht auf der Straße erkannt, inzwischen gilt er als fast sicherer WM-Teilnehmer. „Seine Chancen sind einfach gut“, sagt Bundestrainer Joachim Löw.

Natürlich ist das auch ein wenig den Umständen geschuldet: Mit Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Philipp Lahm sind oder waren drei Kandidaten fürs defensive Mittelfeld angeschlagen, Lars Bender hat sich im Trainingslager in Südtirol so schwer verletzt, dass er für die Weltmeisterschaft in Brasilien ausfällt. „Für Lars tut es mir riesig leid“, sagt Kramer. „Aber ich weiß auch, dass meine Chancen dadurch nicht gesunken sind.“

Dass sich ihm diese Chance überhaupt noch eröffnet hat, hängt auch mit dem Länderspiel gegen Polen zusammen. Kramer stand lediglich im Perspektivkader für diese Begegnung, im vorläufigen WM-Aufgebot fehlte sein Name. Trotzdem dementiert er glaubhaft, dass er mit dem Hintergedanken ins Spiel gegangen sei, sich mit einer guten Leistung doch noch für Brasilien zu empfehlen – „weil ich nicht auf dem Schirm hatte, dass man den 30er-Kader noch umschmeißen kann“.

Beim Debüt gegen Polen gewann Christoph Kramer 71 Prozent seiner Zweikämpfe

Sein Auftritt in Hamburg aber wirkte genau so, als wollte er sich noch einmal aufdrängen. Beim 0:0 gegen Polen zeigte Kramer eine fast schon penetrante Präsenz. 13,93 Kilometer legte er zurück, 109 Ballkontakte wurden bei ihm notiert, seine Zweikampfquote lag bei 71 Prozent, seine Passquote bei fast 90. In allen Disziplinen waren das die Topwerte. „Ich habe mir einfach vorgenommen, dass ich alles geben werde“, sagt er. „Das hatte nichts mit irgendwelchen Hintergedanken zu tun.“

Noch am selben Abend überbrachte ihm Bundestrainer Löw die Nachricht, dass er sich für das Trainingslager in Südtirol qualifiziert habe. „Ich habe mich gefreut, dass es noch mal zehn Tage weitergeht und ich die – in Anführungsstrichen – richtige Nationalmannschaft kennenlerne“, sagt Kramer. Wenn sein Leben normal weitergelaufen wäre, wäre er jetzt vermutlich auf Bali in Urlaub. Sein Bedauern über die Planänderung hält sich in Grenzen. „Es ist wie ein schöner Traum, aus dem man nicht aufwacht“, sagt Kramer über sein Verlängerungswochenende bei der Nationalmannschaft.

Das mit dem Traum hört sich an wie eine Floskel, trifft die Sache aber. Vor einem Jahr hat Kramer noch für Bochum in der Zweiten Liga gespielt. Als er im Sommer nach Mönchengladbach wechselte, stand er deutlich im Schatten der beiden anderen Neuen Max Kruse und Raffael. Kramer, von Bayer Leverkusen ausgeliehen, schien eher als Perspektivspieler eingeplant – und wurde auf Anhieb Stammspieler. In 34 Saisonspielen stand Kramer 30 Mal in der Startelf.

In der vorigen Saison war Christoph Kramer laufstärkster Spieler der Bundesliga.

Die Geschichte scheint sich jetzt bei der Nationalmannschaft zu wiederholen. Gemessen daran, dass niemand etwas von Kramer erwartet hatte, könnte das Maximum für ihn herausspringen. „Ich kann es schwer einschätzen“, sagt der 23-Jährige über seine WM-Chancen. „Ich will keinen künstlichen Druck aufbauen.“ Seine Teilnahme am Trainingslager empfindet er „als Bonus für eine gute Saison“. Kramer spricht von einem tollen Abschluss, „aber ich hoffe, dass es noch weitergeht“.

Als „absolut positiv“ bezeichnet der Bundestrainer seine bisherigen Eindrücke von Kramer. Offensiv müsse er sich zwar noch verbessern, dafür lobt Löw den Nachzügler als präsent auf seiner Position, immer anspielbar, ballsicher, hoch belastbar und sehr gut im defensiven Zweikampf. Über allem aber steht Kramers „wahnsinnige Laufleistung“.

In der vorigen Saison war der Gladbacher der laufstärkste Spieler der Bundesliga. Als einziger Profi hat er im Schnitt mehr als 13 Kilometer zurückgelegt. „Mir fällt laufen echt nicht schwer“, sagt Kramer. Und verkehrt ist ein ausgeprägter Bewegungsdrang auf dieser Position ganz sicher auch nicht. „Ich bin vom Naturell her ein Spieler, der einen hohen Aktionismus hat und immer überall helfen will“, sagt er. Außerdem kann es Kramer nicht leiden, „wenn der Gegner den Ball hat“.

Am Sonntag hat der 23-Jährige die Chance, sich abschließend für Brasilien zu empfehlen. Gegen Kamerun, im einzigen ernstzunehmenden Test vor der WM, werden Schweinsteiger und Lahm erneut fehlen, obwohl sie in Südtirol zumindest schon wieder gegen den Ball treten. Für Kramer wird das Spiel ohnehin ein Besonderes werden – weil es in Mönchengladbach stattfindet. Ob es ein Vorteil für ihn sei, vor heimischem Publikum aufzulaufen? Christoph Kramer sagt: „Ich würde mich riesig freuen, wenn ich eine Sekunde spielen könnte.“ Das hat er vor dem Spiel gegen Polen auch gesagt.

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