Auf dem Weg zurück nach oben : Bei Andrea Petkovic spielt der Körper wieder mit

Andrea Petkovic wurde vom Verletzungspech verfolgt und dachte ans Aufhören: „Ich sah mich schon als Alkoholikerin in einem Wohnwagen mit zehn Kindern.“ Doch jetzt ist sie im Tennis wieder auf dem Weg nach oben.

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Schrei nach Erfolg. Andrea Petkovic dachte schon ans Aufhören, jetzt will sie noch einmal angreifen.
Schrei nach Erfolg. Andrea Petkovic dachte schon ans Aufhören, jetzt will sie noch einmal angreifen.Foto: dpa

Zehn Spiele in zwölf Tagen. Ein Titel in Marseille und der Finaleinzug in Nürnberg. Dazu die Rückkehr unter die ersten hundert in der Tennisweltrangliste – wer Andrea Petkovic in den jüngsten zwei Wochen auf dem Tennisplatz gesehen hat, der konnte kaum glauben, dass die 25 Jahre alte Darmstädterin noch vor einem Monat ans Aufhören gedacht hatte. Da war Petkovic gerade in der Qualifikation für die French Open gescheitert. „Ich habe auf der Bank neben meinem Trainer gesessen und gesagt, ’ich höre auf’“, erzählt sie. „Ich sah mich schon als Alkoholikerin in einem Wohnwagen mit zehn Kindern“, scherzt Petkovic.

Doch es war ihr ernst, die Sache mit dem Aufhören. Nicht zum ersten Mal in den schweren, letzten Monaten plagten sie tiefe Zweifel, und sie quälte sich mit der Sinnfrage. „Ich habe wirklich daran gezweifelt, ob ich überhaupt jemals wieder zu der alten Tennisspielerin werde, die ich einmal war“, sagt sie. Ihr Trainer Petar Popovic überzeugte Petkovic, es beim zweitklassigen Turnier in Marseille einfach noch mal zu versuchen. Dort entdeckte sie wieder die Freude am Spiel, dort lief es wieder, dort hatte sie plötzlich Erfolg. „Ich hoffe wirklich, dass das eine Initialzündung war und dass der Trend jetzt weiterhin nach oben zeigt“, sagt Petkovic nun.

Viel schlimmer hatte es ja auch kaum noch werden können für die ehemalige Nummer neun der Welt. Zu oft und zu lange war sie in den vergangenen Jahren verletzt gewesen, das nagte an ihrer Seele. Im Jahr 2012 hatte sie mehr Zeit in Reha-Einrichtungen als auf dem Tennisplatz verbracht. Vier Monate musste Petkovic nach dem doppelten Bänderriss damals pausieren. Und mit dickem Gipsverband zum Nichtstun verdonnert, verfiel sie in Schwermut und grübelte viel. Warum weitermachen, fragte sie sich. Schließlich hatte sie doch eine Fülle anderer Begabungen und Interessen, die von Musik über Literatur und Politik bis zu Psychologie reichen. Die ganze Welt stand ihr als Einserabiturientin doch offen, grübelte sie. „Aber dann habe ich gemerkt, wie sehr mir das Tennis fehlt“, erzählt Petkovic, „Tennis ist eine große Liebe in meinem Leben.“ Und dieser Liebe wollte Andrea Petkovic mit ungebrochenem Ehrgeiz und geballter Energie zum Saisonbeginn eine neue Chance geben.

Doch gleich beim ersten Aufschlag im Januar folgte der nächste Tiefschlag: Sie zog sich einen Meniskus-Einriss zu. Wieder überkam Petkovic die Angst, die monatelange Reha-Tortur würde erneut beginnen. „Da hatte ich mit meiner Karriere eigentlich schon abgeschlossen", erinnert sie sich. Doch die Ärzte machten ihr Mut, und Petkovic fand die Kraft, weiterzumachen. Bereits Anfang März kehrte sie in Indian Wells auf die Tour zurück, abgerutscht auf Rang 131. Sie musste durch die leidige Qualifikation, doch die harte Tour ist Petkovic inzwischen gewöhnt. Das sieht sie pragmatisch. Dennoch hinkten die Ergebnisse zunächst ihrem Ehrgeiz weit hinterher. Und immer war da die Angst vor neuen Verletzungen. Besonders der Bänderriss verfolgt sie als Trauma, denn er ereilte sie, als sie gerade auf die Tour zurückgekehrt war. „Die Verletzung habe ich noch immer im Kopf“, sagt Andrea Petkovic „aber ich will diese schlimme Erinnerung ausmerzen.“

Sie zwingt sich zur Geduld und dazu, ihren Körper nicht mehr mit täglich insgesamt sieben Stunden langen Trainingsblöcken auf dem Platz und im Fitnessraum zu überfordern. „Ich bin immer über die Schmerzgrenze hinausgegangen“, sagt Petkovic. Ihrem Knie hatte das nicht gut getan.

Heute reduziert Andrea Petkovic ihr Programm auf drei Stunden, die sie dafür umso intensiver angeht. „Ich höre jetzt mehr auf meinen Körper“, sagt sie, und das hatte sie früher oft gesagt. Dieses Mal aber klingt sie geläutert, reifer. Auf Platz 75 ist sie in der Weltrangliste wieder geklettert seit den Erfolgen in den jüngsten zwei Wochen. Und zum ersten Mal freut sie sich nun sogar auf Wimbledon, nicht nur, weil sie für das am 24. Juni beginnende Turner eine Wildcard vom All England Club erhalten hat. „Bislang war es eine Hassliebe zwischen dem Rasen und mir“, sagt Andrea Petkovic, „aber jetzt mache ich mir einfach keinen Druck mehr.“

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