Sport : Auf den Charakter kommt es an

Die interne Konkurrenz bei der Fußball-Nationalmannschaft ist so groß wie lange nicht

Stefan Hermanns[München]

Es ist das Los aller zweiten Torhüter, dass sie meistens nicht nur ausgesprochen lange auf ihre Bewährungschancen warten müssen, es ist auch ihr Schicksal, dass sie dann in eher unwichtigen Spielen zum Einsatz kommen. Timo Hildebrand kennt das aus der Fußball-Nationalmannschaft. In seinem Lebenslauf stehen bisher Freundschaftsspiele gegen so renommierte Gegner wie Rumänien, Thailand und Georgien, sein erstes Pflichtspiel für die Nationalelf bestritt er 2005 beim Confed-Cup gegen Argentinien, als die Deutschen bereits fürs Halbfinale qualifiziert waren, das zweite vor einem Jahr gegen die Großmacht Zypern, und auch das dritte wird wieder ein typisches Ersatztorhüterspiel sein: Am Mittwoch gegen Tschechien (20.45 Uhr, live im ZDF) darf Hildebrand sein siebtes Länderspiel bestreiten. Es geht dabei um – nichts.

Seit dem Wochenende, seit dem 0:0 in Irland, ist die Nationalmannschaft für die Europameisterschaft qualifiziert, und das mutmaßliche Spitzenspiel der Gruppe D gegen Tschechien ist damit zum bloßen Anhängsel verkommen, gut vielleicht nur für Timo Hildebrand, der gegen die motivierten Tschechen wohl „die eine oder andere Gelegenheit“ bekommt, in der er sich auszeichnen kann. Dass der Torhüter von seinen Mitspielern erwartet, „dass sie mit dem gleichen Engagement zur Sache gehen“ wie am Samstag in Dublin – na gut, das hat man in solchen oder ähnlichen Situationen schon häufiger gehört. Nur, die Deutschen meinen es vermutlich wieder mal ernst.

„Bislang hatten wir nie einen Spannungsabfall, auch nicht in Freundschaftsspielen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. „Die Motivation ist groß.“ Selbst in einem Spiel, in dem man den Nationalspielern eine gewisse Laisser-faire-Haltung nicht verübeln könnte. Aber Schludrigkeit passt nicht zu dieser Mannschaft. „Man spürt, dass die Spieler nicht nachlassen, nicht selbstzufrieden werden und glauben, sie hätten schon etwas erreicht“, sagt Löw. Neben der Entdeckung der neuen spielerischen Leichtigkeit ist das vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Qualifikation gewesen: dass die Nationalspieler ihre Ziele mit einem geradezu heiligen Ernst verfolgen.

Das Spiel gegen Tschechien ist aber nicht nur ein Charaktertest für eine aktenkundig charakterstarke Mannschaft, die Begegnung ist für die Deutschen so etwas wie das inoffizielle Eröffnungsspiel für die Europameisterschaft. Die EM beginnt – jetzt! Neben den drei noch ausstehenden Qualifikationsspielen bleiben dem Bundestrainer vor der Nominierung seines EM-Kaders nur noch die beiden Begegnungen gegen die Gastgeber Österreich und Schweiz im Februar und März. „Das sind nicht allzu viele“, sagt Löw. Allenfalls die jetzt bedeutungslosen Qualifikationsspiele gegen Zypern und Wales will er noch für behutsame personelle Experimente nutzen.

Löw muss nicht mehr krampfhaft nach EM-tauglichen Fußballern fahnden. Schon jetzt umfasst die Kandidatenliste für die 23 Plätze locker 40 Namen. „Der Konkurrenzkampf ist so groß wie nie“, sagt der Bundestrainer. „Die Situation hat sich auf allen Positionen verschärft.“ Vor dem Spiel gegen die Tschechen hat Löw gesagt: „Personell sind wir eigentlich ohne Probleme und ohne Not.“ Klar, aus der Mannschaft, die gegen Irland gespielt hat, muss er nur den gesperrten Jens Lehmann ersetzen – und die schon vorher fehlenden Ballack, Schneider, Lahm, Klose, Hitzlsperger, Hilbert. Vor ein paar Jahren noch hätte der Deutsche Fußball-Bund angesichts einer solchen Vermisstenliste bei der Uefa nachdrücklich um eine Verlegung des Spiels nachgesucht.

Dank der frühen Qualifikation ist Löw seiner Zeit weit voraus, ganz anders als sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, der seine Experimentierphase im Grunde erst mit dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft beenden konnte. Was Klinsmann der Mannschaft – unter maßgeblicher Mitwirkung seines Assistenten Löw – erst in den vier Wochen vor dem Turnier mühsam eingebläut hat, ist inzwischen gut gespeichertes und stets abrufbereites Wissen.

Trotzdem sollen die Spieler weiter konsequent an sich arbeiten. „Die größte Gefahr ist, wenn jemand denkt, wir sind eigentlich schon wieder in der Spitze“, sagt Löw. In der vergangenen Woche haben alle EM-Kandidaten ein Handbuch mit Verhaltensmaßregeln bekommen. Der Bundestrainer erwartet, dass die Spieler intensiv damit arbeiten, auch persönliche Gefühle notieren, „um das Bewusstsein für das eigene Spiel ein bisschen zu schärfen“. Das hört sich ein bisschen nach Poesiealbum oder „Liebes Tagebuch“ an. Aber wenn’s hilft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben