Auf den Mount Everest : Über den Berg

Sie sind querschnittgelähmt oder amputiert - und besessen. Als Leistungssportler wollen sie es sich immer wieder selbst beweisen. Und steigen mit ihren Prothesen bis auf den Mount Everest.

Saskia Weneit

Endlich oben. Auf dem Gipfel weht ein kalter Wind, die Temperaturen liegen bei knapp minus 50 Grad. Es ist äußerst ungemütlich auf der Spitze des Mount Everest am 15. Mai 2006. Mark Inglis - die Welt liegt dem Mann mit seinen Beinprothesen zu Füßen - ist vor allem eins: überwältigt. "Aber dann wird dir sehr schnell klar, erst die halbe Strecke ist geschafft, du musst diesen Höllenweg auch wieder runter." Der neuseeländische Extremsportler, der im September 50 wird, erklomm den höchsten Berg der Erde als erster Mensch ohne Beine. Auf zwei Unterschenkelprothesen kämpfte er sich die 8848 Meter hoch. Resultat: Ziel erreicht, überlebt, ein paar Finger weniger und die Beine mussten wieder gekürzt werden, wegen Erfrierungen. Inglis, der 2000 in Sydney als Radsportler die Silbermedaille bei den Paralympics gewann, ist unter gehandicapten Leistungssportlern nicht allein mit seinem Drang auf den Berg. Sie leben extrem, und sie wollen Extremes erreichen.

Auch der Deutsche Michael Teuber, querschnittgelähmter Paralympicssieger 2008 in Peking und elfmaliger Radweltmeister, hat diesen Floh im Ohr, der nur eines zu flüstern scheint: rauf da. Im November 2008 besteigt er den höchsten Berg Spaniens. Wobei besteigen das falsche Wort ist. Teuber bezwingt den stillen Inselvulkan "El Teide" auf Teneriffa in gut zehn Stunden mit dem Rennrad, Mountainbike und zu Fuß. Nur 48 Stunden vorher brach er sich das Schlüsselbein, ließ sich aber nicht abhalten, sein Vorhaben zu Gunsten der deutschen Sporthilfe durchzuziehen. Sein Engagement umfasst auch den International Paralympic Day (IPD), wo er als Botschafter am 11. Juli in Berlin sein wird. Sein nächstes Ziel: "langfristig der Kilimanjaro, vorher in diesem Jahr diverse Gletschertouren und 4000 Meter in den Alpen." Für Außenstehende erscheint das erstmal waghalsig bis wahnsinnig, als Behinderter einen Berg zu erklimmen. "Mich reizt aber gerade die Herausforderung. Angst vor dem Risiko habe ich nicht", sagt Michael Teuber. "Du willst einfach auf den Gipfel rauf, weil es da nichts Höheres gibt, das man hätte erreichen können", sagt er. Deswegen wollten auch alle immer auf den höchsten Berg der Welt.

Inglis hat ihn besiegt, den Mount Everest: "Das stärkste Gefühl kommt, sobald du unten bist. Wenn du so etwas Enormes geschafft hast, kannst du alles im Leben erreichen". Er steigt seit seinem zwölften Lebensjahr auf die Gipfel, die ihm ins Sichtfeld kommen. "Da war der Mount Everest nur eine logische Konsequenz." Mit 29 Jahren erklomm er den höchsten Berg Neuseelands, den Mount Cook, als auf 3500 Metern ein Sturm aufkam. Sieben Tage verharrte er mit seinem damaligen Kollegen Phil Doole in einer Eishöhle - da waren die beiden noch völlig gesund. Nach ihrer Rettung mussten die Ärzte dann aber beiden die Unterschenkel amputieren. Doch weder Doole noch Inglis lassen sich von ihrer Leidenschaft abhalten.

Für Inglis war die Amputaion eine Tragödie und eine Befreiung zugleich. "Ich habe vorwärts geschaut, nicht zurück. Die Beine mussten ab. Ich hatte einige schwierige Tage, aber als Bergsteiger hatte ich verstanden, dass man sehr hart arbeiten muss, um große Ziele zu erreichen." Nur zu wünschen, dass die Dinge anders wären, bringe nichts. Man müsse sie besser machen. Doole hat mehrmals versucht, den Mount Cook, der im Film "Herr der Ringe" die Rolle des Schicksalsberges hat, mit seinen Beinprothesen zu besiegen - beim sechsten Mal schafft er es, mit 46 Jahren. Neuseelands Bergsteiger sagen: Du musst den Mount Cook bezwingen, damit er dich in Ruhe lässt. Es scheint so, als wäre Doole nun wirklich über den Berg.

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