Sport : Auf der Flucht vor dem Feuer

Weltmeister Fernando Alonso will weg von McLaren – doch wohin?

Karin Sturm,Christian Hönicke[Budapest]

„Wir werden sehen.“ Diese Worte verließen nach dem Rennen in Ungarn den Mund Fernando Alonsos. Um die Brisanz dieser Antwort zu erkennen, benötigt man die dazu passende Frage: „Bist du glücklich darüber, dass du auch im nächsten Jahr für McLaren-Mercedes fahren wirst?“ Der Formel-1-Weltmeister hat öffentlich mit seinem Weggang aus dem Team gedroht, in dem am Wochenende der Zoff zwischen ihm und seinem Teamkollegen Lewis Hamilton eskaliert war. Laut der spanischen Zeitung „Marca“ stellte der Spanier McLaren sogar ein Ultimatum: „Entweder Hamilton oder ich.“

Kurios ist es schon: Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem sich nicht Alonso, sondern Hamilton durch seinen Ungehorsam sehr viele Sympathien beim Teamchef verscherzte, äußerte der Weltmeister Abwanderungsgedanken. In der Blockadeaffäre schlug sich Ron Dennis jedenfalls eindeutig auf Alonsos Seite, weil Hamilton seinen Teamkollegen zuvor nicht wie gefordert passieren ließ. Auch am Ausbremsen des Briten war Dennis wohl nicht ganz unbeteiligt. Offenbar traut Alonso dem Chef trotzdem nicht mehr zu, die Brände in seinem Team noch löschen zu können.

In der Tat wirkt Dennis derzeit wie ein Feuerwehrmann, der nicht weiß, in welche Richtung er den Wasserschlauch zuerst halten soll. Offenbar geht es um viel mehr als um die Differenzen der Fahrer untereinander, die nicht mehr miteinander reden. Mindestens genauso große Probleme hat Alonso damit, dass er sich im Team immer noch nicht genügend respektiert fühlt. „Das kann man an jedem Wochenende wieder sehen“, sagte er.

Ein Feuer wurde dabei von jemandem gelegt, der eigentlich gar nicht richtig zum Rennstall gehört. Anthony Hamiltons Verhalten während des Wochenendes gab Anlass zu der Vermutung, dass er an der Eskalation des Streits nicht ganz unschuldig ist. So erschien er am Samstag auf der Pressekonferenz nach dem Abschlusstraining, um seinen Sohn Lewis nach der Blockade Alonsos zu instruieren. Vermutlich teilte er ihm dabei mit, dass er selbst die Bestrafung des Teamkollegen in die Wege geleitet hatte. Hamilton senior versuchte es zunächst bei Pasquale Lattanedu. Als die rechte Hand des Formel-1-Chefs Bernie Ecclestones ihm ziemlich klar sagte, er solle das lassen, zog er weiter bis zu den Rennkommissaren.

Egal, wie viel die Aktion von Papa Hamilton am Ende zur Strafe für Alonso und der Aberkennung der Konstrukteurspunkte für McLaren beitrug: Dennis weiß jetzt, dass eine Zeitbombe in seinem Team tickt. Wie ein Eislaufvater labt sich Hamilton an dem Triumph seines Sohnes, den er auch persönlich managt. In dieser Funktion spielt sich Anthony Hamilton immer mehr in den Vordergrund und mischt sich nun offenbar auch in Dinge ein, die ihn nichts angehen. Gemeinsam mit der Enttäuschung über seinen Ziehsohn, der sich erstmals gegen ihn auflehnte, ging dies Dennis gewaltig ans Gemüt. Nach dem Rennen wirkte der 60-Jährige deutlich angeschlagen und gab zu: „Ich bin emotional völlig leer.“

Ein früher sehr hoch in der Hierarchie angesiedelter McLaren-Mercedes-Insider meinte zwar, das Problem einer Flucht Alonsos könnte sich schon deshalb erledigen, weil niemand das Geld habe, ihn erst aus seinem bis Ende 2008 laufenden Vertrag herauszukaufen und dann auch noch seine Gehaltsforderungen zu bezahlen. Aber wer weiß, ob nicht vielleicht sogar sowohl Alonso als auch Dennis, bereit wären, da ein paar Abstriche zu machen, wenn unter den gegebenen Umständen eine Zusammenarbeit einfach nicht mehr sinnvoll erscheint.

Die andere Frage ist, welche Alternativen Alonso wirklich hat. Dass sein Manager Luiz Garcia an diesem Wochenende wieder ernsthafte Gespräche mit Renault führte, ist ein offenes Geheimnis. Andererseits war der Spanier in seinem früheren Team zuletzt ebenfalls alles andere als glücklich. BMW-Teamchef Mario Theissen erklärt zwar offiziell, das Thema Alonso sei für ihn im Moment überhaupt keines (siehe Text nebenan). Doch er wird zumindest darüber nachdenken, wenn sich plötzlich die Chance ergibt, einen zweimaligen Weltmeister und den im Moment wohl immer noch besten und komplettesten Fahrer überhaupt zu bekommen. Andere große Rennställe haben sich dem Vernehmen nach Alonsos Telefonnummer bereits besorgt. Ein Managementmitglied eines Konkurrenzteams soll jedenfalls anonym gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärt haben: „Eines ist sicher: Alonso wird nächstes Jahr nicht mehr bei McLaren fahren.“

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