Sport : Auf der Flucht vor dem Sieg

Olympiasieger Josia Thugwane hat ein großes Problem: Je erfolgreicher der farbige Südafrikaner läuft, desto häufiger wird er bedroht

Jörg Wenig

Wien - Josia Thugwane läuft noch. Das allein ist schon erstaunlich, denn kaum ein Athlet hat so viele Höhen und Tiefen erlebt wie der 34 Jahre alte Langstreckenläufer aus Südafrika. Am Wochenende war er beim Wien-Marathon unterwegs, und gab in einem Hitzerennen vorzeitig auf. Doch das wirft ihn offenbar nicht zurück. „Viele haben mich schon abgeschrieben, aber ich weiß, dass ich noch einige gute Marathonläufe rennen kann“, sagt Josia Thugwane. Als erster farbiger Südafrikaner ist er 1996 Olympiasieger geworden. Der 1,58 Meter kleine Läufer wuchs in ärmsten Verhältnissen auf und lebte mit seiner Familie in einer Wellblechhütte. Geld verdiente er als Putzkraft in einer Mine. Lesen und schreiben konnte er nicht. Fußballspielen war ein Hobby, doch dann versuchte er es mit dem Laufen. Schließlich hatte Thugwane gehört, dass man damit Geld verdienen könne. Seine erste Prämie gewann er bei einem Halbmarathon – umgerechnet 8,50 Euro.

Mit dem Sieg bei den südafrikanischen Marathon-Meisterschaften 1996 begannen die Probleme. Die Leute dachten, er sei nun ein reicher Mann. Noch vor den Olympischen Spielen wurde er in seinem Auto überfallen. Eine Kugel streifte ihn am Kinn, die Narbe ist heute noch zu sehen. Es gelang ihm, aus dem Fahrzeug zu springen und zu entkommen. „Nach meinem Olympiasieg war ich monatelang im Fernsehen, und ständig erschienen Zeitungsartikel. Dadurch wurde es noch schlimmer“, erzählt Josia Thugwane. Während seine sportlichen Leistungen schwankten, gab es Bedrohungen gegen ihn und seine Familie.

Auf Erpressungsversuche ging Thugwane nicht ein. Doch als eines Tages der Kopf eines Affen auf den Zaun vor seinem Haus gespießt worden war, zog er nach Johannesburg in ein sicheres Wohnviertel und trainierte zeitweise in den USA. „Erst seit zwei Jahren ist es ruhiger, weil ich nicht mehr erfolgreich war“ , sagt Josia Thugwane. Vor kurzem ist er in die Nähe von Pretoria gezogen. „Ich habe eine Farm gekauft, denn das ist die Zukunft für mich und meine Familie.“ Außerdem betreut er dort eine Gruppe von jungen Läufern. Dass die Farm nicht so sicher ist wie das Haus in Johannesburg, nimmt Josia Thugwane in Kauf. Wenn er wieder Erfolg haben sollte, muss er mit neuen Bedrohungen rechnen. Aber Josia Thugwane will nicht nachgeben: „Ich kann noch einige Jahre laufen.“

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