Sport : Auf der Suche nach Identität

DFB-Sportdirektor Sammer plädiert für Kraftfußball und will eine Aussprache mit Bundestrainer Klinsmann

Stefan Hermanns[Frankfurt am Main]

Vielleicht war es eine glückliche Fügung: Matthias Sammer steckte im Stau, seine Ankunft in Frankfurt verzögerte sich. Als er am Nachmittag in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ankam, hatte Jürgen Klinsmann sie bereits verlassen, um einen Sponsorentermin wahrzunehmen. So mussten der neue DFB-Sportdirektor und der Bundestrainer nicht zwischen Tür und Angel ein Thema ansprechen, das wohl einer längeren Erörterung bedarf. „Ich werde das Gespräch mit Jürgen suchen“, kündigte Sammer an. „Dann werden wir unter vier Augen die Dinge aus der Welt räumen.“

Die Dinge: Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, hatte davon gesprochen, dass einiges passiert sei, „was uns nicht erfreut hat“. In der Öffentlichkeit war der Eindruck entstanden, dass Sammer erst sein Interesse am Posten des Sportdirektors entdeckt hat, nachdem Klinsmann den Hockey-Bundestrainer Bernard Peters als Wunschkandidaten genannt hatte. Klinsmanns Assistent Joachim Löw bestätigte gestern, „dass wir generell ein bisschen enttäuscht sind“. Doch diese Irritationen sollen laut Sammer einer Zusammenarbeit nicht im Wege stehen. „Meine eigene Frau hat mich am Anfang auch nicht gemocht“, sagte er. „Jetzt sind wir verheiratet und haben drei Kinder.“

Sammers Start hat sich schwierig gestaltet. Am Mittwoch scheiterte er mehrmals bei dem Versuch, mit seinem früheren Mitspieler Jürgen Klinsmann telefonischen Kontakt aufzunehmen. Und weil er nicht mit dem Bundestrainer gesprochen hatte, konnte Sammer nicht sagen, wie eng er in die Geschicke der Nationalmannschaft eingebunden werden wird. Immerhin bot Sammer an, in Klinsmanns Vorzeigeprojekt WM „meine kleinen Möglichkeiten einfließen zu lassen“.

Als Sammer gestern im Saal des DFB-Sportgerichts vor die Medien trat, wurde es plötzlich dunkel. Im Gewühl der Fotografen hatte jemand den Lichtschalter erwischt. Man konnte dies symbolisch verstehen. Als Sportdirektor tritt Sammer heraus aus dem Licht der Öffentlichkeit, in dem er noch als Bundesligatrainer stand, um fortan im Hintergrund zu wirken. Seinem Naturell kommt das entgegen: „Ich war nie derjenige, der sich in die Öffentlichkeit gedrängt hat.“

Im Oktober hat er noch anders gedacht. Damals war ihm der Job als Sportdirektor angetragen worden, von Bierhoff und Klinsmann. Sammer lehnte ab, weil er sein Betätigungsfeld in der Bundesliga sah, sich nach seiner Entlassung beim VfB Stuttgart jedoch eine Auszeit auferlegt hatte. In dieser Zeit aber habe er sich Gedanken gemacht, „was bei uns im Fußball nicht optimal läuft“, und Gefallen gefunden an der Idee, die Strukturen im deutschen Fußball mitzugestalten.

Sammer widersprach dem Vorwurf, er plane, über den Umweg als Sportdirektor Bundestrainer zu werden: „Ich scharre nicht mit den Hufen.“ Wie früher als Spieler auf dem Fußballfeld stürzte er sich geradezu auf die Themen, die er ab dem 1. April zu verantworten hat. Auch wenn er, anders als sein Gegenkandidat Peters, kein schriftliches Konzept vorgelegt habe, so besitze er doch klare Vorstellungen. So sprach sich Sammer dafür aus, ein zentrales Leistungszentrum für die Junioren-Nationalspieler einzurichten. Auch was die übergeordnete Spielphilosophie für alle DFB-Mannschaften angeht, besitzt Sammer klare Ansichten. Sie decken sich seiner Meinung nach mit denen von Klinsmann.

Der Sportdirektor gab sich als Anhänger des traditionellen deutschen Kraftfußballs zu erkennen. „Wir müssen uns unsere Identität zurückholen“, forderte er. Die Gegner sollten wieder wissen, dass sie die Deutschen nicht besiegt haben, wenn sie in der 85. Minute 1:0 führten. Fast amüsiert äußerte er sich über den Versuch des deutschen Fußballs, plötzlich modern und mit System spielen zu wollen, um Anschluss an die internationale Entwicklung zu finden: „Wir müssen uns daran erinnern, dass wir früher alle niedergeknüppelt haben – ohne System.“

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