Sport : Auf der Suche nach Siegertypen

Schwimm-Bundestrainer Lange stellt bei der WM frustriert fest, wie viel Arbeit er noch bis Olympia hat

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Klatsch ab, Kumpel. Hendrik Feldwehr, Helge Meeuw und Benjamin Starke (oben, von links) gratulieren Paul Biedermann. Der hat der Lagenstaffel Bronze gesichert. Foto: dpa Foto: dpa
Klatsch ab, Kumpel. Hendrik Feldwehr, Helge Meeuw und Benjamin Starke (oben, von links) gratulieren Paul Biedermann. Der hat der...Foto: dpa

Berlin - Ach, das war noch eine nette Geste, so ganz zum Schluss: Man darf das alles nicht so verbissen sehen. Paul Biedermann hatte sich gerade ausgepumpt aus dem Becken gehievt, da streckte ihm Michael Phelps lächelnd die Hand entgegen. Kurze Gratulation für den Konkurrenten. Phelps hatte Biedermann nie so richtig ernst genommen; dass ihn der Deutsche bei der WM 2009 besiegt hatte, das schob der US-Amerikaner immer auf die High-Tech-Anzüge. Und jetzt das.

Phelps hatte gerade mit der Lagenstaffel bei der Schwimm-WM in Schanghai seinen vierten Titel gewonnen, Biedermann hatte mit furiosem Finish den Deutschen Bronze gesichert. Auch diese Medaille kann als Symbol gewertet werden. Der Teamgeist lebte, zumindest gestern in der Staffel. Die Staffeln hatten für die deutschen Schwimmer schon immer auch eine enorme moralische Bedeutung. Alles gut also?

Im letzten WM-Wettbewerb schon. Aber gemessen an der deutschen Bilanz nicht. Zwei Gold-, zwei Silber-, zwei Bronzemedaillen sollten die Beckenschwimmer holen, das war die Vorgabe des Verbands. Am Ende blieb es bei fünf Bronzemedaillen, drei davon von Biedermann, eine von dem überraschend starken Brustschwimmer Christian vom Lehn, und eine steuerte die 4x100-Meter-Freistilstaffel der Frauen bei.

Rein statistisch gesehen, ist das eher dünn, Schanghai stellte ja einen wichtigen Fixpunkt der Olympiaplanung dar. Rein analytisch war die WM aus deutscher Sicht noch schwächer. Bei einer WM sollen die Athleten schneller sein als bei der deutschen Meisterschaft. In Wirklichkeit schlug Markus Deibler über 200 Meter Lagen 1,32 Sekunden später an als bei den nationalen Titelkämpfen, Daniela Schreiber benötigte über 100 Meter Freistil eine halbe Sekunde länger als im Juni in Berlin, Marco di Carli, der noch in Berlin Deutschen Rekord und auf Rang eins der Weltrangliste geschwommen war, kämpfte im Pool von Schanghai quasi gegen das Ertrinken. „Die Zeit ist unter aller Sau“, sagte er drastisch, aber überaus ehrlich zu seinen 49,00 Sekunden. Willkürlich herausgegriffene Beispiele aus einer langen Liste. Und Britta Steffen, die schrieb sogar ihr ganz eigenes Kapitel.

Wenn so viele Athleten ihre Bestform klar verfehlen, müssen bei der Vorbereitung trainingsmethodische Fehler vorgelegen haben, anders ist das nicht zu erklären. Aber ein anderer, ein viel bedeutender Punkt offenbarte DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow verklausuliert mit dem netten Begriff „psychische Wettkampfstabilität“. Auf Deutsch gesagt: Einige DSV-Größen haben Angst, sobald sie neben Weltstars wie Phelps oder Lochte stehen. Neu ist das nicht, das Problem ist seit Jahren bekannt. Aber es ändert sich offenbar nichts. Steffen Deibler und Dorothea Brandt gehören zu den hochsensiblen Protagonisten, ihre Auftritte waren entsprechend. Man hatte fast befürchten müssen, dass sie wieder dem bekannten Bild entsprechen. Dass aber Britta Steffen einen solchen Aussetzer hat, das war neu.

Ihre fluchtartige Abreise zeigt ein weiteres Manko der deutschen Mannschaft. Einen derartigen Teamgeist wie ihn zum Beispiel die USA besitzen, den haben die Deutschen nicht. Auch kein neues Problem, bei der Weltmeisterschaft 2007 war es genauso. Die Konsequenz: Jedes negative Ergebnis reißt Teamkollegen für ihre Rennen nach unten. Am Ende laufen die Athleten kollektiv mit hängenden Schultern durch die Halle. „Wir müssen nochmal unsere Mannschaft auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen Leute, die Siegermentalität haben“, sagte Bundestrainer Lange.

Mit Britta Steffen wird auf jeden Fall wegen ihrer Abreise noch eingehend gesprochen. „Es ist so, dass das keine Optimalvariante war. Bestimmte Sachen hätte ich anders gemacht als das Management“, sagte Buschkow in Schanghai. Er hätte „eine andere Vorgehensweise schöner gefunden“. Steffen selber erklärte sich in der „Bild am Sonntag“. Da erzählte sie: „Mein Umfeld hielt es für die beste Lösung. Sich die 100 und 50 Meter Freistil von der Tribüne aus anzusehen, wäre unerträglich gewesen.“

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