Sport : Auf die andere Seite der Welt

Die Paralympics-Zweite Christine Wolf wandert nach den deutschen Meisterschaften nach Australien aus

Annette Kögel

Berlin - Der Wolf hat ihr Glück gebracht. Vor den Paralympics in Athen im vergangenen Herbst hatte sich die 25-jährige Leichtathletin Christine Wolf ein Tierbild auf den Oberarm tätowieren lassen. Das Maskottchen mit dem Wolf auf dem Sprung hat der Athletin vom Paralympischen Sport Club Berlin offenbar sehr geholfen: Während der Weltspiele der behinderten Sportler vom 16. bis 28. September 2004 holte die Athletin, der wegen einer Krebserkrankung der Unterschenkel amputiert worden war, mit 3,53 Meter eine Silbermedaille im Weitsprung. Bei den von den Medien und der Öffentlichkeit viel beachteten Spielen lernte sie ihren Freund, den Läufer Heath Francis aus Australien, kennen. Und Irina Dvoskina, die Trainerin der australischen Nationalmannschaft der Profisportler mit Handicap. Die warb Christine Wolf sofort für das australische Team ab.

Zunächst einmal macht sich die gelernte Goldschmiedin für die Karriere auf der anderen Seite der Welt aber in Berlin warm: bei den Internationalen deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Behinderten im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion von Freitag bis Sonntag. 400 Sportler aus 17 Ländern treten jeweils ab 10Uhr an, sie alle müssen seit einem Unfall oder einer Krankheit mit Handicaps leben – nicht aber ohne Sport. Und trainieren mit demselben Biss wie Nichtbehinderte. „Die deutsche Meisterschaft in Berlin ist schon eine Art Mini-Paralympics, obwohl auch viele Breitensportler dabei sind“, sagt Ralf Otto, ehrenamtlicher Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft. Natürlich treten auch die 35 Kaderathleten an: Paralympics-Stars wie Heinrich Popow und Wojtek Czyz (beide 100 und 200 Meter, Popow auch Hoch- und Weitsprung), sowie Klaus Kulla (Diskus). Für Berliner Vereine macht sich unter anderem Marianne Buggenhagen warm, die große Routinierin im Kugelstoßen, Diskus- und Speerwurf. Katrin Müller-Rottgardt, die weniger als zehn Prozent der üblichen Sehstärke besitzt, läuft am Sonntag über 200 Meter. Auch der sehbehinderte Matthias Schröder, der in Athen Silber über 200 Meter holte und Bronze über die 100-Meter-Distanz, ist dabei.

Christine Wolf startet mit ihrer computergesteuerten Beinprothese am Wochenende über die 100 Meter, bereits Freitag um 19 Uhr im Weitsprung. An den Wettkampf in Athen, den eine Chinesin mit großem Vorsprung für sich entschied, denkt sie mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich habe mich schon gefreut, aber mit dem Gefühl, das man hat, wenn man 60 Zentimeter hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist.“ Das soll jetzt anders werden. Im Frühjahr war die 25-Jährige schon in Canberra, dort, wo sie bald am Australian Institute of Sport im Profikader trainiert. „Wenn man das gesehen hat, ist man ernüchtert, unter welchen Bedingungen Leistungssport bei uns betrieben wird“, sagt Christine Wolf. Immer noch gehen die deutschen Athleten in der Regel arbeiten. „In Australien hingegen gibt es eine üppige Unterstützung vom Staat.“ Anreise und Unterkunft in Berlin musste die Paralympics-Zweite privat bezahlen.

In Deutschland hat das Innenministerium die Summe für die Leichtathleten innerhalb des Handicap-Leistungssport- Etats, der 2004 insgesamt 4,03 Millionen Euro umfasste, zuletzt leicht gekürzt. „Wenn die Deutschen bei den Paralympics in Peking 2008 gut abschneiden sollen, müsste jetzt aber viel mehr gefördert werden“, sagt Bundestrainer Ralf Otto. In Australien finden die Behindertenwettkämpfe immer zeitgleich mit denen der Nichtbehinderten statt. Viele behinderte Sportler sind nationale Idole. Hierzulande hat sich trotz der guten Wünsche fürs Team Germany in Athen, die Bundeskanzler und Bundespräsident persönlich überbrachten, nichts geändert. Gerhard Schröder hat für die Veranstaltung in Berlin die Schirmherrschaft übernommen, und Horst Köhler schrieb ein Grußwort. Berlins Innensenator Ehrhart Körting zeichnet den Berliner Behindertensportler des Jahres am Samstagabend aus.

Doch viele Sponsoren haben das Positivimage des Behindertensports noch nicht erkannt. Immerhin hat Weitspringerin Wolf finanziellen Rückhalt. Von Unternehmern aus Weilheim/Teck nahe ihrem Heimatdorf Lenningen-Gutenberg bei Stuttgart. Aus persönlicher Verbundenheit statt aus Marketing-Gründen.

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