Sport : Auf die spanische Tour

Heras steht vor dem vierten Sieg bei der Vuelta, deren Ansehen weiter sinkt

Claus Vetter

Berlin - Roberto Heras steht vor einem einmaligen Erfolg. Wenn heute in Madrid nach drei Wochen die Spanien-Rundfahrt über ihre letzte Ziellinie führt, könnte der 31 Jahre alte Spanier als erster Radprofi überhaupt die Vuelta zum vierten Mal gewonnen haben. Der Vorsprung von Heras auf den Russen Denis Menschow lag nach dem gestrigen Zeitfahren, bei dem Heras zeitgleich hinter seinem Landsmann Ruben Plaza Zweiter wurde, bei 4:36 Minuten. Ein komfortabler Vorsprung, der Sieg des Spaniers vom Team Liberty Seguros ist damit so gut wie sicher.

Für Heras ist es der Höhepunkt in einer für ihn schwachen Saison. Als aussichtsreicher Kandidat auf den Gesamtsieg hatte er die Tour de France in Angriff genommen. Doch der ehemalige Helfer von Lance Armstrong, den er zwei Jahre im US-Postal-Team unterstützte, landete in Frankreich auf Rang 45, mit zwei Stunden Rückstand auf Gesamtsieger Armstrong. Früher hatte sich der gerade 1,72 Meter kleine Bergfahrer stets für seinen Kapitän aufgeopfert. Der US-Amerikaner hatte Heras zur Belohnung früher bei der Vuelta zum Kapitän seines Teams bestimmt – auch, weil Armstrong keine Lust auf die Spanien-Rundfahrt hatte.

Das mangelnde Interesse vieler Profis ist ein Problem der drittgrößten Rundfahrt, die der Deutsche Jan Ullrich 1999 gewinnen konnte. Obwohl die Vuelta in diesem Jahr eine Woche vor der Weltmeisterschaft endet, die wie die Zieletappe in Madrid stattfindet, nehmen viele Stars nicht teil. Die Rundfahrt war auch in diesem Jahr eine spanische Meisterschaft mit internationaler Beteiligung, was sich an der Gesamtwertung ablesen lässt: Sieben Fahrer auf den ersten zehn Plätzen kommen aus Spanien. Viele Profis aus anderen Ländern haben sich auf der einwöchigen Polen-Rundfahrt auf die WM vorbereitet – oder gar nicht. Der in Nizza wohnende Kasache Alexander Winokurow (T-Mobile) bekam von den französischen Behörden sein Visum für Polen nicht rechtzeitig, so dass er nun ohne Vorbereitung bei der WM startet.

Bei der Vuelta hatte Winokurow nicht starten wollen. Der Ruf der Spanien-Rundfahrt ist im Ausland lädiert und in diesem Jahr bei der 60. Auflage der Rundfahrt nicht besser geworden. Kritik an der Organisation wurde aus dem Fahrerlager schon in der ersten Woche laut. Die belgische Mannschaft Quick Step beschwerte sich über die mäßige Unterbringung und schlechtes Essen. „Anfang der Woche mussten wir sogar unser Brot selber kaufen und teilweise in Hotels schlafen, die keine Klimaanlage hatten, was angesichts der Hitze in Spanien nicht angenehm war“, sagte ein Sprecher von Quick Step.

Roberto Heras hatte nichts zu beanstanden. Warum auch? Schließlich steht der Spanier heute vor einem historischen Triumph. Der vierte Vuelta-Sieg wird ihn in der Heimat noch beliebter, aber außerhalb Spaniens nicht zum Star machen. Denn ein Allroundkönner ist Heras nicht. Und um doch einmal bei der Tour triumphieren zu können, ist sein Können im Zeitfahren wohl zu durchschnittlich.

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