Sport : Auf Distanz

Da Trainer Doll beim HSV immer noch sakrosankt ist, geraten die Spieler immer stärker in die Kritik

Stefan Hermanns[Hamburg]

Erfahrene Stadiongänger entwickeln im Laufe der Jahre ein funktionierendes Deutungssystem für die Interpretation der Geschehnisse beim Fußball. Wenn zum Beispiel auf den Rängen der Jubel losbricht, obwohl auf dem Feld gerade gar nichts passiert, weiß man, dass sich entweder ein neuer Stürmer auf seine Einwechslung vorbereitet oder auf der Anzeigetafel ein Tor gegen die Erzrivalen vermeldet wird. Als am Samstag um kurz nach halb vier in der Hamburger AOL-Arena die Kulisse anschwoll, war weder das eine noch das andere der Fall. Trotzdem gab es einen Grund für den Enthusiasmus des HSV-Anhangs. Thomas Doll, der Trainer des Vereins, war nach acht Minuten zum ersten Mal von seinem Sitzplatz aufgestanden und zeigte sich dem Publikum.

Die Reaktion der Zuschauer illustrierte die ganze Zerrissenheit des Vereins und die schwierige Diskussion um den Arbeitsplatz von Thomas Doll, die so absurd ist wie verständlich. Der Hamburger SV hat von 19 Pflichtspielen in dieser Saison nur ein einziges gewonnen, in der Bundesliga nach zwölf Spielen ganze zehn Punkte geholt und im eigenen Stadion seit mehr als sieben Monaten nicht mehr gewonnen. Nicht einmal gegen Borussia Mönchengladbach, das auswärtsschwächste Team der Liga, schafften die Hamburger einen Heimsieg. Sieben Minuten vor dem Ende traf Oliver Neuville zum 1:1-Endstand für die Gladbacher. „Wir hatten Angst“, sagte Kapitän Rafael van der Vaart.

Angesichts der gehobenen Ambitionen, die der HSV inzwischen wieder hegt, ist es nur normal, dass über Dolls Job öffentlich verhandelt wird; eher ungewöhnlich ist, dass eine Große Koalition aus Hamburger Medien, Hamburger Fans und Hamburger Vereinsführung den Trainer immer noch stützt. „Die permanente öffentliche Sorge um seinen Rücktritt – ich kann es nicht mehr ertragen“, sagte Vorstandschef Bernd Hoffmann.

Doll selbst hat schon vor einiger Zeit angekündigt, er werde von sich aus gehen, wenn er das Gefühl habe, es funktioniert nicht mehr. Das ehrt ihn und passt zu seinem Ruf, eine ehrliche Haut zu sein. Die Frage aber ist, ob seine subjektive Einschätzung der Lage noch mit den objektiven Fakten übereinstimmt. Seinen Spielern hatte Doll schon am Freitag mitgeteilt, dass er auf jeden Fall bleiben werde, egal wie es ausgehe. Nach dem Spiel gegen Gladbach sagte er: „Es ermüdet mich langsam. Seit drei, vier Wochen wird mir jeden Tag dieselbe Frage gestellt.“

Als beide Mannschaften vor ziemlich genau zwei Jahren, kurz nach Dolls Amtsantritt, aufeinander trafen, wurde der damalige Gladbacher Trainer Dick Advocaat gefragt, ob die kumpelhafte Art von Doll nicht erfolgreicher sei als sein distanzierter Umgang mit den Spielern. Advocaat ist in Mönchengladbach längst nur noch eine schlechte Anekdote, doch damals antwortete er, wenn man von Anfang an auf Distanz achte, müsse man bei Misserfolgen sein Verhalten gegenüber der Mannschaft nicht ändern. Genau vor diesem Problem steht Doll jetzt.

Da der Trainer beim HSV sakrosankt ist, müssen nun andere Schuldige her. Die Fans machen den Vorstand verantwortlich. „Das ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar“, sagte Bernd Hoffmann. Der Vorstand wiederum sieht das Versagen eher bei den Spielern. Dass die Mannschaft den Vorsprung gegen ebenfalls verunsicherte Gladbacher nicht ins Ziel schleppen konnte, fand Hoffmann „lausig“, und auch Doll kritisierte die Spieler, die erst nach der Pause so engagiert und aktiv auftraten, wie er das verlangt hatte: „Mir ist unbegreiflich, warum wir das nicht von der ersten Minute an gemacht haben.“ Kapitän Rafael van der Vaart wurde gefragt, ob man auch irgendetwas Positives aus dem Spiel ziehen könne. Van der Vaart lachte nur gequält.

In Hamburg geht es schon längst nicht mehr besonders spaßig zu, trotzdem mahnte Doll: „Man sollte nicht alles schlecht machen.“ Aber ist es das nicht schon? Nur in Nuancen unterschied sich die Darbietung gegen Mönchengladbach von den vorherigen Enttäuschungen. „Das ist nicht dieselbe alte Geschichte“, sagte Verteidiger Joris Mathijsen. „Diesmal haben wir geführt.“ Eigentlich machte das die Sache nur noch schlimmer. Von Abstiegskampf war am Samstag erstmals die Rede, doch der ist laut Doll „überhaupt nicht in meinen Gedankengängen“. Man müsse nicht anfangen, in Hamburg herumzuzittern. Vielleicht ändert sich das in einer Woche. Dann spielt der HSV beim Tabellenletzten Mainz 05.

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