Sport : Auf Eis gelegt

Bei der Eishockey-WM kämpfen Nordamerikas Profis auch um ihre Zukunft – denn die kommende NHL-Saison könnte wegen Streiks komplett ausfallen

Sven Goldmann

Prag. Kanadische Eishockeyspieler sind auch nicht mehr, was sie mal waren, damals, als sie beim Forechecking an der Bar oft einen aggressiveren Eindruck hinterließen als auf dem Eis. Legendär sind die Geschichten aus dem Frühjahr 1993, als die nachsaisonale Vergnügungsreise von Team Canada zusammenfiel mit der Weltmeisterschaft in München und die Spieler in ihrem Hotel einen Flur zur Partymeile umwidmeten mit dem werdenden Superstar Eric Lindros als Liebling der bayerischen Madln. Im Viertelfinale war dann mal wieder Schluss. Man kann nicht sagen, dass die Kanadier in diesen Tagen viel Gutes taten für ihren Ruf als Eishockey-Nation Nummer eins.

Weil das nicht so weitergehen konnte, nicht so weitergehen durfte, griff George Kingston ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft in Italien zu einer List. Vor dem Turnier schloss der Trainer mit seinen Spielern einen Vertrag: Die erste WM-Woche war Freizeit, in der zweiten sollte Ernst gemacht werden – so, als ginge es um den Stanley Cup, die Siegestrophäe daheim in der National Hockey League (NHL). Die Kanadier hielten Wort, spielten eine durchwachsene Vorrunde, drehten dann auf und wurden Weltmeister, das erste Mal nach 33 Jahren.

Zehn Jahre später bei der Weltmeisterschaft in Prag sind solche Abmachungen nicht mehr notwendig. Die Prager Zeitungen, die jeden Tag seitenweise über die WM berichten, haben noch kein einziges der sonst üblicherweise breitgetretenen Trinkgelage aufgedeckt. Nach Kanadas Auftaktspiel gegen Österreich, in dem es trotz drückender Überlegenheit nur zu einem 2:2 reichte, komplimentierten die Spieler Trainer und Betreuer für zehn Minuten aus der Kabine, weil sie ein paar Dinge unter sich zu bereden hatten. Es soll dabei recht laut geworden sein, denn es geht in Prag um mehr als Spaß und nationale Ehre, es geht um ihre Jobs für die kommende Saison. Die kanadischen Profis präsentieren sich bei der WM möglichen Arbeitgebern in Europa.

Zu Hause stehen die Zeichen auf Sturm. In den Wochen der Play-offs wird weniger über den künftigen Stanley-Cup-Champion geredet als über einen immer wahrscheinlicher werdenden Arbeitskampf zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft NHLPA (National Hockey League’s Players Association). Wahrscheinlich wird die Liga eine Aussperrung (Lockout) verhängen, die nächste NHL-Saison fällt womöglich aus. 700 Spieler stünden ohne Beschäftigung da.

Es geht um das Collective Bargaining Agreement, den Tarifvertrag, den die Liga und die Spielergewerkschaft NHLPA nach dem letzten Arbeitskampf 1994/95 ausgehandelt hatten. Dieser Vertrag, so argumentiert die Liga, hat den Spielern Reichtümer verschafft und die Klubs an den Rand der Existenzgrundlage gebracht. 1995 betrug das durchschnittliche Einkommen eines NHL-Profis 570 000 Dollar, jetzt sind es 1,8 Millionen. 76 Prozent der Klub-Einnahmen gehen für Spielergehälter drauf – bei weitem zu viel, findet NHL-Comissioner Gary Bettman und verweist auf die drei anderen großen Profiligen NBA (Basketball), MLB (Baseball) und NFL (Football), die nur zwischen 58 und 65 Prozent ihrer Einnahmen an die Spieler weitergeben. Bettman will das Ende der Vertragslaufzeit nutzen für die Einführung eines Salary Caps, einer Gehaltsbeschränkung, die bei 50 Prozent der Einnahmen liegen soll. Die Gewerkschaft beharrt auf dem Status quo und will allenfalls über eine Gehaltsreduzierung bei jungen Spielern verhandeln. Gespräche über einen generellen Salary Cap lehnt die NHLPA ab.

Folgendes Szenario zeichnet sich ab: Am 14. September steigt in Toronto das Endspiel um den World Cup of Hockey, ein Einladungsturnier für Nationalteams mit den besten Spielern der Welt, mit dem die NHLPA ihre Pensionskassen füllt. Einen Tag später läuft der Tarifvertrag aus, einen weiteren Tag später wird die Liga die Spieler aussperren. Nur Topstars, die wie Torontos Owen Nolan eine Lockout-Schutzklausel im Vertrag haben, beziehen weiter ihr Gehalt. Die große Masse der Spieler und Klub-Angestellten hat dann ein Problem. Die Calgary Flames etwa haben ihren Angestellten schon angekündigt, dass sie im Falle eines Lockouts auf eine Drei-Tage-Woche mit 40-prozentigen Gehaltseinbußen gesetzt würden.

Bei einer Umfrage des Senders ESPN gaben neun Klubs an, sie würden im Fall eines Saisonausfalls weniger Geld verlieren, als wenn sie im selben Zeitraum ihr Team finanzieren müssten. „Wir brauchen ein System, mit dem wir Geld verdienen können“, sagt Doug Moss, Präsident der Phoenix Coyotes. Einem ligainternen Bericht zufolge schrieben 2002/03 19 von 30 Teams rote Zahlen, die Verluste summierten sich auf 273 Millionen Dollar.

Die Spielergewerkschaft zweifelt diesen Bericht an. NHLPA-Boss Bob Goodenow bezeichnet ihn als PR-Maßnahme, viele Klubs hätten nicht alle Einnahmen angegeben und Verluste zu hoch angesetzt. Andere sehen die Ursache für die Probleme der Klubs im Versagen der Ligaführung. NHL-Commissioner Gary Bettman hat es zwar geschafft, den Sonnengürtel der USA mit Teams in Florida, Arizona, Texas und Kalifornien für das Eishockey zu gewinnen, aber er ist gescheitert beim Versuch, einen angemessenen Fernsehvertrag auszuhandeln. 120 Millionen Dollar pro Jahr kassiert die NHL von den Sendern ABC und ESPN. Die National Football League bekommt das Zwanzigfache, auch die Basketballer (671 Millionen) und Baseballspieler (559) nehmen ein Vielfaches ein. Bettman ist in einer ungünstigen Verhandlungsposition: In den letzten acht Jahren hat die NHL 50 Prozent der Fernsehzuschauer verloren. Bei einem Lockout könnten die Quoten bei einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs ins Bedeutungslose stürzen.

Die Erinnerungen an den letzten Arbeitskampf sind frisch. 103 Tage lang sperrten die Klubs 1994/95 ihre Spieler aus, dann wurde die Saison mit einem Miniprogramm von 48 Vorrundenspieltagen verspätet aufgenommen – mit erheblichem Imageverlust. Noch nie hat ein Arbeitskampf im Profisport die betroffene Liga vorangebracht. Die Major League Baseball etwa leidet heute noch unter den Folgen des Tarifstreits von 1995, der mit einem Schlichterspruch des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton zu Ende ging. „Aus finanzieller Sicht wäre es wohl besser, wenn wir die nächste Saison nicht spielen“, sagt Patrick LaForge, Präsident der Edmonton Oilers. „Aber der Schaden, den wir mit einer langen Pause bei den Fans anrichten, könnte noch viel größer sein.“

Mittlerweile gilt sogar die Teilnahme ihrer Spieler bei Olympia 2006 in Turin als gefährdet, wenn der Lockout sich über die kommende Saison hinaus erstrecken sollte. „Wenn die NHL nicht bis Januar 2006 ihren Spielbetrieb aufgenommen hat, werden die NHL-Spieler nicht dabei sein“, hat René Fasel, Präsident des Weltverbandes IIHF, in Prag verkündet. Ein entsprechendes Agreement habe er mit NHL-Boss Bettman geschlossen. „Mir tun Europas Eishockeyfans Leid“, sagt Fasel. „Nagano hat bei den Spielen1998, Salt Lake City 2002 die besten Spieler der Welt gesehen. 2006 ist Europa dran."

Wahrscheinlich wird Europa die besten Spieler der Welt schon viel früher sehen, wenn es denn zum Lockout kommt. „Ich hoffe immer noch auf eine Einigung, aber Europa ist bei uns in der Kabine natürlich ein Thema“, sagt der Kanadier Eric Brewer. In Finnland und Schweden sind die einheimischen NHL-Stars schon eingeplant. Der Tscheche Jaromir Jagr, mit elf Millionen Dollar Jahresgehalt der teuerste Eishockeyprofi der Welt, plaudert in den Wandelgängen der Prager Sazka-Arena über ein Engagement in Moskau, „denn ich will in der stärksten Liga der Welt spielen, und das ist die russische“. Auch die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) hat sich vorbereitet und den Klubs zwei zusätzliche Ausländerpositionen genehmigt. Erinnerungen werden wach an den Lockout in der Saison 1994/95, als Größen wie Glenn Anderson (Augsburg), Pavel Bure (Landshut), Brendan Shanahan (Düsseldorf) oder Jeremy Roenick (Köln) die Liga bereicherten.

Nicht nur Europa könnte von einem Arbeitskampf in der NHL profitieren. „Hockey back to Canada“ – so könnte man das Projekt nennen, das die World Hockey Association (WHA) vorantreibt. Die WHA hatte sich schon einmal, zwischen1972 und 1979, als Konkurrenzunternehmen zur NHL positioniert und war dann mit ihr verschmolzen. Die neue WHA will den möglichen NHL- Lockout nutzen und hat bereits Lizenzen an Teams aus Quebec, Toronto, Vancouver, Hamilton und Halifax vergeben, mit Montreal wird verhandelt. Im Raum steht eine Renaissance des Standortes Kanada. Nur noch fünf der dreißig NHL-Teams spielen in dem Land, das sich als Erfinder des Eishockeys definiert.

Noch plagt sich die Konkurrenzliga mit juristischen Problemen, der für den Herbst dieses Jahres geplante Saisonstart wurde auf den Winter verschoben. Das ist lange hin und Kanada weit weg. Einstweilen kämpfen die nordamerikanischen Profis in Prag um eine Perspektive. Mit hartem Forechecking, auf dem Eis und nicht an der Bar.

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