Sport : Auf Entzug

Sebastian Deisler hat sich in München eingelebt, doch das Wichtigste fehlt

Daniel Pontzen

München. Der junge Mann ist schlecht rasiert, das Haar stoppelkurz geschoren. Abgenommen hat er, so sieht es aus, sogar die Muskulatur hat sich ein wenig zurückentwickelt. Doch es sind nicht die äußerlichen Zeichen, die sagen: Zumindest ein Teil von Sebastian Deisler leidet noch, er ist auf Entzug. Was ihm am meisten gefehlt habe in den letzten Monaten, wird er gefragt. „Der Ball“, sagt Deisler. Er sagt es nicht bloß, er stellt die Worte einsam in den Raum, mit fester Stimme, dann schweigt er eine Weile und ergänzt mit bestimmendem Ton: „Das Spiel. Das ist mein Spiel. Ich werde mein Spiel wieder spielen. Davon bin ich tausendprozentig überzeugt.“

Im Sommer ist Sebastian Deisler von Hertha BSC zum FC Bayern gewechselt. Seitdem warten sie in München darauf, dass er seine Besitzansprüche auf das Spiel endlich auslebt. Die dritte Jahreszeit ist angebrochen seit seiner Ankunft, und es gibt nur eine Frage: Wann? Seit letzter Woche scheint sich der Nebel der Ungewissheit aufzulösen. Deisler hat mit dem Einzeltraining begonnen. „Ich hoffe, dass er im Januar mit dem Team trainieren kann“, sagt Trainer Ottmar Hitzfeld. Vielleicht steigt er im Trainingslager in Marbella ins Mannschaftstraining ein.

Seine Krankengeschichte könnte Deisler schon jetzt im Taschenbuchformat herausgeben, mit 22 Jahren. Knieoperationen? „Ich glaube fünf, alle am selben Knie – aber immer eine andere Geschichte.“ Dennoch sagt er: „Ich habe nie daran gezweifelt zurückzukommen. Auch wenn es Momente gibt, wo es nicht so einfach ist.“ An solch trüben Tagen hört er „schwarze Musik“ oder liest „Sachbücher“. Und telefoniert. „Viel. Mit meinen Freunden.“ Auch mit Rudi Völler? „Nein. Schon lange nicht mehr.“ Die Nationalelf scheint noch weit weg, obwohl er sich dort verletzte, im Mai gegen Österreich.

Lieber spricht er über die Ziele mit seinem neuen Verein. Im Mai im verschwitztem Trikot die Schale hochzurecken, „das ist ein Abschluss, auf den ich hinarbeite“. Gleiches gilt für das Pokalendspiel in Berlin. „Das ist natürlich was, wovon man träumt.“ Noch lässt ihm sein Alltag ausreichend Zeit dazu. Kraft bolzen, Koordinationsübungen, Einzeltraining – für einen, der Fußball als Spiel, manchmal als Kunst begreift, ist das Hüpfen zwischen Hütchen so spannend, als ließe man einen Stararchitekten mit Mörtel und Backsteinen hantieren.

Beim Gastspiel seiner ehemaligen Kollegen am Samstag wird er auf der Tribüne sitzen. Immerhin bleiben ihm so die Pfiffe der Berliner Fans erspart, die ihm Ende letzter Saison sein Kurz-Comeback erschwerten. „Das hat wehgetan. Gerade nach fünf Monaten Pause ist das nicht spurlos an mir vorübergegangen.“ Er stehe noch mit einigen Herthanern in Kontakt, doch Telefonate wegen des Spiels habe es noch keine gegeben. Für ein nettes Gespräch fehlt wohl auch die Grundlage. „Wir gewinnen“, sagt Deisler.

„Wir“, das heißt bei ihm nun FC Bayern.

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