Sport : Auf gebremster Fahrt

Jutta Kleinschmidt darf bei der Rallye Dakar nur noch unter Vorbehalt starten – aber jeder Kilometer ist für sie wichtig

Hartmut Moheit

Todmüde fiel Jutta Kleinschmidt ins Bett. Ein Glück, dass im Camp in Tidjikja in Mauretanien niemand anders sein Zelt aufstellen durfte, als Fahrer und Teamchefs. Die Hundertschaft der Serviceleute war bereits am Ziel der kommenden Etappe in Nema. Ein wenig mehr Ruhe tat in dieser Nacht bei der Rallye Dakar gut, nach dem, was der Kölnerin Tage zuvor in der Wüste passiert war.

Auf der sechsten Etappe durch Marokko war sie gerade dabei, ein Wasserloch zu durchqueren, da schluckte der Motor im Touareg viel Wasser – und nichts ging mehr. Es dauerte nicht lange, und der Pegel stieg auch im Fahrerraum von Jutta Kleinschmidt und ihrer italienischen Beifahrerin Fabrizia Pons bis auf Brusthöhe an. Das allein war für die beiden Frauen schon unangenehm genug, aber was dann folgte, strapazierte ihre Nerven um einiges mehr. Erst mussten sie stundenlang auf einen Abschleppwagen warten, weil das Dakar-Reglement keine Hilfe per Telefon oder Funk gestattet. Als sie nach Mitternacht am Haken das Ziel erreicht hatten, mussten sie feststellen, dass ihr Motor unbrauchbar geworden war.

Die Zeitstrafe für das unerlaubte Abschleppen wurde vom Team sofort akzeptiert. Es hatte nunmehr ganz andere Probleme zu lösen, schließlich sollte die Siegerin der Wüstentour von 2001 um 4.55 Uhr bereits wieder am Start zur nächsten Etappe stehen. „Es blieb keine andere Wahl, als ganze Komponenten auszutauschen, auch den verplombten Motorblock“, erklärt Uwe Baldes, der Motorsport-Pressechef bei VW. „Es steht nirgendwo in den Regeln dieser Rallye, dass komplette Teile nicht getauscht werden dürfen, und auch nicht, dass Plomben unantastbar sind.“ Als der Touareg wieder rollte, der Motor eine neue Plombe bekommen sollte, suchten die VW-Leute die technisch den Kommissare jedoch vergeblich. „Sie haben wohl noch geschlafen“, vermutet Baldes. So blieb dem Team nichts anderes übrig, als die gesamte Reparatur zu dokumentieren und auf eine spätere Anerkennung zu hoffen. Daraus wurde nichts, die technischen Kommissare kannten keine Gnade, stuften den nächtlichen Vorgang bei VW als einen kompletten Motorenwechsel ein und fällten daher ihr Urteil: Ausschluss aus der Rallye für Kleinschmidt/Pons. Das wiederum führte zum sofortigen Einspruch von VW, worüber aber erst zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt werden soll. „Damit haben wir eine aufschiebende Wirkung erreicht, und die beiden Frauen können die Rallye wohl bis zum Ziel am 18. Januar fahren“, erklärt Baldes. Auch darüber sprach er mit der 41-jährigen Pilotin: „Im ersten Augenblick hat sie die Entscheidung getroffen, aber sie ist Profi genug, um mit dieser Situation fertig zu werden. Jeder Kilometer zählt jetzt für 2005.“ Bei VW war man sich vor dem Start zur diesjährigen Rallye Dakar im Klaren, mit dem neuen Auto noch nicht den arrivierten Teams wie Mitsubishi oder BMW den Sieg streitig machen zu können. „Wir wollten dennoch bei dieser Rallye fahren, denn sie ist nicht zu simulieren“, sagt Baldes. Auch die Rallyes in Dubai oder Tunesien gehen zwar durch die Wüste, aber die „Dakar ist nun mal einzigartig“.

Während nunmehr die Franzosen Stephane Peterhansel und Jean-Paul Cottret im Mitsubishi Pajero auf Siegeskurs sind, während ihre Team-Kollegin Jutta Mayer mit dem erfahrenen Beifahrer Andreas Schulz in einem ausgereiften Auto noch alle Chancen auf eine Top-Platzierung haben, setzen sich Kleinschmidt/Pons nunmehr andere Ziele. Die beiden Frauen betrachten nunmehr jede Etappe als ein separates Rennen. Mit dem zweiten Platz auf der achten Etappe, hinter Peterhansel/Cottret, haben sie ihre Fans schon mal ein wenig versöhnt.

„Jutta Kleinschmidt ist für viele Kult“, sagt Baldes, „das merkt man zwar nicht so in Deutschland, aber im Ausland sehr.“ Und der gute Name verpflichtet schließlich. „Ich bin sicher, dass ich 2005 um den Sieg mitfahren werde“, sagt sie. Der VW-Konzern hatte sich den Gesamtsieg bei der 27. Auflage ohnehin zum Ziel gesetzt. Für Jutta Kleinschmidt, die in einem Mitsubishi als erste Frau die Rallye Dakar gewann, war das bei ihrem Wechsel zu den Wolfsburgern von vornherein die besondere Herausforderung. Auch ein kaputter Motor ändert daran nichts.

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