Sport : Auf kalte Nachbarschaft

Deutsche und Tschechen haben auch im Eishockey ein schwieriges Verhältnis

Sven Goldmann

Prag. Zu sozialistischen Zeiten war „Mlada Fronta Dnes“ die Zeitung der Jugendbewegung, sozusagen die „Junge Welt“ der CSSR, ein Blatt mit Einfluss und garantiert auf der richtigen Linie. Manchmal funktionieren die alten Reflexe auch heute noch, zum Beispiel, wenn es um die lieben Nachbarn geht. Vier Spalten widmete „Mlada Fronte Dnes“ am Montag den Gästen aus Deutschland, denen es bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Prag wieder einmal nicht recht gemacht werden kann: Die Fans beschwerten sich über unfreundliche Behandlung, die Mannschaft moniere unzureichende Trainingsbedingungen, und die deutschen Zeitungen trügen all das unkommentiert in millionenfacher Auflage weiter und schadeten damit dem Ansehen der Tschechischen Republik. Verbandspräsident Karel Gut ließ schon mal alle Nörgler wissen, worauf es bei dieser Weltmeisterschaft ankomme, dass nämlich „vor allem die Tschechen ihren Spaß haben sollen“. Den Wunsch der Deutschen nach mehr Eintrittskarten wiesen die Organisatoren denn auch barsch zurück: Das liege nicht im Interesse Tschechiens.

Verstehen wir ja alles, sagen die Deutschen, keiner mag sich beschweren, wenn etwa für das heutige Spiel ihrer Mannschaft gegen die Tschechen (20.15 Uhr, live im DSF) die überwältigende Mehrzahl der Tickets den WM-Gastgebern vorbehalten bleibt. Für dieses Spiel lagen gut 150 000 Kartenwünsche vor. Aber werden die tschechischen Interessen auch von einem so großartigen Spiel wie dem der Deutschen gegen Kasachstan berührt? Zu diesem Anlass war die riesige Sazka-Arena offiziell ausverkauft und doch nur zu zwei Dritteln gefüllt. Vor der Halle bemühten sich Hunderte von deutschen Fans vergeblich um Karten und fühlten sich schikaniert.

Es ist bei dieser Weltmeisterschaft wie in der großen Politik: Es harmoniert nicht so recht zwischen Deutschen und Tschechen. Prager Fenstersturz, Münchner Abkommen, Benes-Dekrete – die gemeinsame Geschichte beider Völker ist reich an Furchtbarkeiten. Das gegenseitige Misstrauen ist geblieben, und es überträgt sich auch auf den Sport. Wenn denn die tschechischen Eishockeyfans in Prag eine Mannschaft auspfeifen, dann ist es die deutsche.

Prag quillt in diesen Frühjahrstagen über vor deutschen Gästen, und nicht alle Einheimischen sehen das gern. Eishockey-Touristen, deren Herkunft dank ihrer Trikots aus Berlin, Köln oder Mannheim leicht zu erkennen ist, taumeln bierselig über Wenzelsplatz und Karlsbrücke und taugen nicht gerade zum Abbau von Vorurteilen. Dabei sind die Deutschen mit keiner Eishockey-Nation so eng verbandelt wie mit den Tschechen. Im WM-Aufgebot von Bundestrainer Hans Zach stehen in Tomas Martinec, Daniel Kunce und Martin Reichel drei Spieler, die in tschechischen Klubs ausgebildet wurden. Der kleine Grenzverkehr zwischen beiden Nationen, er hat schon immer funktioniert, auch während des Kalten Krieges. In den Siebziger- und Achtzigerjahren befruchteten Trainer wie Pavel Wohl, Karel Gut oder Ladislav Olejnik die Bundesliga, Weltstars wie Pavel Richter oder Vladimir Martinec ließen ihre Karrieren in Deutschland ausklingen. Den Tschechen verdanken die Deutschen auch ihren bisher besten Eishockeyspieler: Erich Kühnhackl siedelte 1968 als 17-Jähriger aus Citice (Falkenau) nach Landshut über.

Die Tschechen waren willkommen, solange ihre Zahl übersichtlich blieb. Das änderte sich, als nach der samtenen Revolution 1989 immer mehr perfekt ausgebildete Eishockeyspieler über die nun offene Grenze kamen, sich auf deutsche Vorfahren beriefen und ihr Geld in der Bundesliga verdienen wollten. Der EHC Freiburg rekrutierte zu Beginn der Neunzigerjahre fast seine komplette Mannschaft aus Böhmen und Mähren. Die deutsche Konkurrenz reagierte mit Ablehnung. „Das ist doch keine deutsche Mannschaft mehr“, mäkelte der Berliner Nationalspieler Axel Kammerer und wünschte den Freiburgern „von ganzem Herzen den Abstieg“. Der kam dann auch, aber nicht aus sportlichen Gründen: Die Freiburger hatten sich finanziell übernommen.

Über Freiburg fand damals Martin Reichel den Weg in die Bundesliga, die er eigentlich nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Nordamerika eingeplant hatte. Weil es aber mit einer Karriere in der National Hockey League (NHL) nicht klappte, blieb Reichel in Deutschland, spielte in Rosenheim, Nürnberg und Frankfurt, seit 1995 zählt er zum Kader der Nationalmannschaft. In der alten Heimat ist er ein Niemand, ganz im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Robert Reichel, der seit 14 Jahren sein Geld in Amerika verdient und den tschechischen Pass behielt.

Robert Reichel führte die Tschechen zu drei Weltmeistertiteln, und wann immer er im Nationaltrikot auf Bruder Martin traf, hatte er das bessere Ende für sich. Doch heute fällt das familieninterne Duell aus: Robert Reichel spielt mit den Toronto Maple Leafs in den Play-offs der NHL. Seine Rolle als Star der tschechischen Mannschaft nimmt Jaromir Jagr von den New York Rangers ein.

Es ist in diesen Tagen nicht einfach, eine tschechische Zeitung zu finden, in der nicht mindestens zwei Fotos von Jagr abgebildet sind. Sein Trikot ist an so gut wie allen Souvenirständen ausverkauft. Jaromir Jagr gilt als der derzeit beste Eishockeyspieler der Welt. Mit 31 Jahren spielt er jetzt zum ersten Mal ein großes Turnier in Prag, und natürlich hat er den Fans den Titel versprechen müssen. An die Deutschen hat Jagr nicht die besten Erinnerungen, sie haben ihm eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere zugefügt. Das war 1996 beim World Cup of Hockey, einem gemeinsam von der NHL und dem Weltverband IIHF veranstalteten Einladungsturnier. Die Flugtickets für die Finalrunde in Montreal waren schon auf die Namen der tschechischen Spieler ausgestellt, da ging das letzte Vorrundenspiel im Olympiastadion von Garmisch völlig überraschend 1:7 verloren. Jaromir Jagr schoss damals das einzige Tor für die Tschechen. Gejubelt hat er nicht.

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