Sport : Auf- und Absteiger: Ein Schal, den kein anderer hat

Karsten Doneck

Das gute Stück, aus gestricktem Jacquard, 100 Prozent Polyacryl, hat die Maße 17 mal 150 Zentimeter. Es zählt zum Angebot des Fanshops, kostet 29,95 Mark. Nicht eben billig, aber dafür hat dieser schwarz-weiß-blaue Schal auch einen Aufdruck, den kein anderer Klub in Deutschland für sich in Anspruch nehmen darf, ohne der Hochstapelei bezichtigt zu werden. "Wir sind das Urgestein", steht auf dem hals- und herzwärmenden Kleidungsstück, dass der Hamburger SV unter sein Fan-Volk streut. Auch wenn der Verkauf des Schals zuletzt etwas schleppend war, weil sich die Mannschaft lange Zeit mitten im Abstiegskampf tummelte: Der HSV ist der einzige Verein, der seit der Bundesligagründung 1963 ununterbrochen in Liga eins Fußball gespielt hat. Nicht nur das: Nachdem im Juni 1919 als Fusion aus drei Klubs der Großverein Hamburger Sport-Verein e.V. entstanden war, spielte dieser stets in der höchsten Liga.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen Tränenreicher Abstiegsschmerz blieb dem HSV bisher ebenso erspart wie auch die Anhänger über alle Jahrzehnte hinweg um den Genuss rauschender Aufstiegsfeiern gebracht wurden. Das Erfolgsgeheimnis? Kurzum: Es existiert keines. Kein Hokuspokus, kein Zaubertrank: Ein paar gut durchdachte Personalentscheidungen, was Entlassungen und Einstellungen anbelangt, gerade auch im Trainerbereich, dazu etliche hilfreiche Spielertransfers in Notlagen und manchmal auch eine Menge Glück - damit kam der HSV in 38 Jahren Bundesliga mehr recht als schlecht über die Runden.

Sicher, der Verein geriet ein paar Mal auch tüchtig ins Schlingern. Zum Beispiel 1972. Da begann die Mannschaft die Saison mit acht sieglosen Spielen. Verdiente Kräfte hatten sich verabschiedet. Uwe Seeler und Jürgen Kurbjuhn beendeten damals ihre Laufbahn, "Charly" Dörfel hatte sich mit Trainer Klaus Ochs überworfen und war abgehauen - zu den Highland Powers Johannesburg. Der HSV stützte sich seinerzeit verstärkt auf junge Kräfte wie Kaltz, Memering und Hidien. Und geriet in Abstiegsgefahr. Der Mannschaft fehlte das kämpferische Element. Also wurde kurzerhand ein Horst Heese aus Frankfurt nachverpflichtet. Das Gartenbauamt Hamburg soll dieser Einkauf in tiefe Sorge versetzt haben, weil Heeses Art, Fußball zu spielen, der Grasnarbe im Volksparkstadion nun wahrlich nicht gut tat. Aber der neue Mann riss die Mitspieler mit, schoss wichtige Tore. Der HSV rettete sich als 14. - drei Punkte vor Absteiger Eintracht Braunschweig.

Als der HSV Anfang der 90er Jahre mal finanziell kräftig ins Trudeln geriet, ergab sich ein Glücksfall. Thomas Doll, vom BFC Dynamo geholt, konnte für die damals unfassbare Ablösesumme von 17 Millionen Mark an Lazio Rom verkauft werden. Der Hamburger SV war auf einen Schlag saniert. Aber auch umgekehrt fand sich in Hamburg, in der Stadt der vermögenden Kaufleute, immer jemand, der noch rechtzeitig mit dem Kauf eines neuen Spielers eine sportliche Schieflage zumindest halbwegs gerade rückte.

Von 1947 bis zum Start der Bundesliga spielte der HSV in der Oberliga Nord. Die Erfolgsbilanz dort klingt recht eintönig. Immer war der HSV am Ende Erster. Mit einer Ausnahme: Anno 1954, als Deutschland in Bern Fußball-Weltmeister wurde, landete der HSV abgeschlagen auf Platz elf, "das schlechteste Saisonergebnis seit 41 Jahren", wie in dem Buch von Werner Skrentny und Jens R. Prüss "Hamburger SV - Immer erste Klasse" (Verlag Die Werkstatt, 1998) registriert wird. Georg Knöpfle war damals der Trainer, ein Spieler wie Jupp Posipal die Leitfigur. Die Mannschaft, so wird in der Chronik behauptet, habe damals unter Lustlosigkeit gelitten, war in sich zerstritten. Ihre größte Schmach: ein 2:10 bei Arminia Hannover. Und dann zog das Sportgericht auch noch vier Punkte ab, weil die Hamburger einen gewissen Willy Schröder aus Bremen geholt hatten. Der hatte beim HSV die Hand aufgehalten - und dann 15 000 Mark darin gefunden. Doch Handgelder zu zahlen, galt seinerzeit als das so ziemlich Verwerflichste, was man nach Ansicht der Fußball-Oberen tun konnte.

Der HSV hat sich nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft im Jahre 1978 unter Branko Zebec sechs Jahre lang in der Bundesliga-Spitze behauptet, holte in dieser Zeit unter Ernst Happel noch zweimal den Titel. Ansonsten ist das Erstliga-Dasein des HSV geprägt von Mittelmaß: mal ein bisschen drüber, mal ein bisschen drunter. Als Happel, von einem Krebsleiden gezeichnet, ging, tauchte der HSV wieder in die Grauzonen der Tabelle ab. Aber auf seine Weise hat der Klub, Zweiter in der Ewigen Tabelle der Bundesliga, mehr erreicht als Rekordmeister FC Bayern. Während der HSV nämlich bisher nicht zu übertrumpfende 1288 Bundesligaspiele bestritten hat, verzeichnet der FC Bayern 60 Partien weniger in der höchsten Klasse. Und wenn die Bayern auch Millionen scheffeln im Geschäft mit den Fanartikeln, einen Schal mit der Aufschrift "Wir sind das Urgestein" kann nur der HSV vertreiben.

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