Sport : Auf- und Absteiger: Vom Märchen zum Albtraum

Oliver Trust

Es gehörte wohl zur Trauerarbeit. Nach dem letzten Heimspiel gegen den SSV Reutlingen lagen im Ulmer Donaustadion viele Dauerkarten auf dem Boden. Weggeworfen von enttäuschten Anhängern. "Nie mehr", rief einer. "Scheißverein", ein anderer. Irgendwie saßen an dem Tag alle in Ulm auf der Couch wie bei der Psychotherapie. Funktionäre, Spieler, Fans - alle. Regionalliga, Zweite Liga, Bundesliga und zurück. Ein Rekord. Fortuna Düsseldorf hat das einmal geschafft, nur anders herum. Jetzt ist kein Geld mehr da in Ulm, sondern Schulden, Streit im Vorstand und gegenseitige Vorwürfe. Jetzt haben sie in Ulm sogar schon Angst vor dem nächsten Abstieg.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen "Was hier menschlich abgelaufen ist, ist unter aller Sau", sagt Alexander Hirn, der Präsident des Gesamtvereins. "Ich leide wie eine Sau", meinte der ehemalige Metzger Erich Steer, der als Manager in Ulm arbeitet. "Von den Spielern hatten viele kein Herz und keinen Anstand", erzählt Walter Feucht, Chef der Spitzensport AG der Ulmer. Das Märchen wurde zum Albtraum. Profifußball mit rebellierenden Spielern, die die Hand aufhalten und erst dann in die Trainingskluft steigen, ausgebufften Marketingpartnern und skrupellosen Beratern, das war völlig neu. In Heerscharen standen Vermarkter und Vermittler vor der Tür und witterten das große Geschäft. Sie schwärmten aus wie damals 1990 einen Tag nach der Wiedervereinigung Deutschlands die Versicherungsvertreter und Grundstücksspekulanten.

"Wir haben uns so lange gut verstanden, bis die Mannschaft Keile zwischen uns getrieben hat. Dass wir das zugelassen haben, war unser Fehler", sagt Hirn. Wie die Schulbuben, die bei einem Streich erwischt worden sind, standen die Funktionäre da und ertrugen den Spott. "Wir haben Mist gebaut", rief Hirn als es ihm zuviel geworden ist. Überall entstanden diese kleinen Diskussionszirkel. Patzig ist keiner geworden. Anders als bei Eintracht Frankfurt hat kein Fan die Trikots der Spieler zurückgeworfen. Sie haben sie in Stücke gerissen, damit jeder einen Teil davon bekommt. Als Erinnerung an eine schöne Zeit. "Wir haben alle Fehler gemacht. Wir hätten lieber ein paar Spieler rausschmeißen sollen", sagt Steer.

Ein Irrweg war, sich dem Vermarkter Kinowelt auszuliefern. Das findet jedenfalls Ralf Rangnick, der ehemalige Trainer, den sie heute noch wie eine Vaterfigur verehren. "Wenn es einen Verein gab, der die Kinowelt nicht brauchte, dann war es der SSV Ulm", sagt Rangnick. Der ehemalige Präsident Florian Ebner aber holte Kölmel & Co ins Boot. Die Nachfolger wollten mit dem Aufkäufer gestrauchelter Fußballklubs nichts zu tun haben. Das Aktienpaket von drei Millionen Mark, offiziell als Spende deklariert, wollten die schwäbischen "Cleverles" dennoch behalten. Die Kinowelt klagte. Jetzt muss der Klub sechs Millionen zurückzahlen.

"Unglaublich, was in Ulm passiert ist", staunt Rangnick. Bei ihm war die Welt noch in Ordnung. Beim Profiklub Ulm ging es zu wie im Pfadfinderlager. Einer für alle, alle für einen. Bis der VfB Stuttgart kam und Rangnick kurz vor dem Aufstieg weg lockte. "Die Strukturen konnten nicht mit wachsen", sagte sein Nachfolger Martin Andermatt, der den Sprung in die Bundesliga vollendete. "Es war ein Fehler Andermatt zu entlassen. Das war der Generalfehler", so Walter Feucht. Jeder aus der Mannschaft hatte seinen Spezi im Vorstand. Mobbing gegen die Trainer gehörte zum Tagesablauf. Andermatt, Marketingchef Peter Assion, Hermann Gerland, wieder Assion. "Assion, Steer und Feucht, das sind Hitzköpfe, kein Wunder, dass die ständig aneinander geraten sind", sagt Hirn. Der Zwist ging bis ins Private. "Das haben einigte nicht auseinanderhalten können", meint Hirn. Seilschaften entstanden, Allianzen, die sich nicht mehr vereinbaren ließen. "Das kam alles viel zu schnell für den Verein", sagt Andermatt. Teure Spieler, Ungeduld, "viel zu hohe Erwartungen" (Steer), eine verhängnisvolle Mischung.

"Die Zeit der Luftschlösser ist vorbei", schrieb die örtliche "Südwest-Presse" am Tag nach dem Abstieg. Vor drei Jahren hatten die Redakteure noch in der Aufstiegsnacht eine Sonderausgabe präsentiert. Jetzt sind die Leserbriefspalten voll mit bösen Kommentaren. Auch das gehört zur Geschichte des Vereins, der am Abenteuer Bundesliga scheiterte. "Ich habe noch nie eine Region gesehen, die so stark auf Leserbriefe reagiert hat", sagte Martin Andermatt, der fünf Spieltage nach dem Abstieg aus der Bundesliga gehen mußte. Und Hermann "Tiger" Gerland hatte von Anfang an das Gefühl, "dass hier ständig über den Trainer diskutiert wird". Jetzt haben sie wieder einen neuen. Frank Wormuth heißt der. Ein Mann aus dem Amateurfußball, der mal als Assistent bei Trainer Joachim Löw und Fenerbahce Istanbul arbeitete. Er muß den notwendigen Neuaufbau mit jungen, billigen Spielern und einem Etat von fünf Millionen Mark hinbekommen. Wormuth hat einen Vorteil. Er sei ein Typ wie Ralf Rangnick, heißt es. Und mit dem verbindet jeder Ulmer angenehme Erinnerungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar