Sport : Auf Werbetour

Jan Ullrich ist gefragt bei Sponsoren – mancher bedauert, dass er den Profi in der Krise verließ

Claus Vetter

Berlin. Vor drei Jahren war Jan Ullrich in der Werbewelt gern gesehen. Da räkelte sich der Radprofi in einem Fernsehspot schlafmützig im Bett, während ihn sein Trainer kernig zum Aufstehen aufforderte: „Los Jan, komm in die Hufe!“ Der Sieger der Tour de France von 1997 wollte nicht so recht. „Ich geb’s ja zu, morgens bin ich nicht der Schnellste“, sagte er. Ein Müsli später ging’s dann doch. Im Jahr 2000 war Ullrich ein Sympathieträger, doch das änderte sich nach seiner Doping-Sperre 2002 schlagartig. Er verlor viele Werbeverträge. Erst jetzt, nach seinem gelungenen Comeback als Zweiter der diesjährigen Tour de France, ist Jan Ullrichs Werbewert wieder gestiegen. Viele Unternehmen buhlen um den zurückgekehrten deutschen Radstar.

Wie populär Ullrich inzwischen wieder ist, belegen allein die Einschaltquoten im Fernsehen. Die Tour ohne Ullrich vergangenes Jahr wollten im Schnitt nur knapp zwei Millionen Deutsche sehen, der Marktanteil lag bei knapp 20 Prozent. Bei dieser Tour lagen die Quoten in der Spitze bei über 50 Prozent. So hatten fast zwei Stunden lang im Schnitt mehr als sieben Millionen Zuschauer den Fernseher eingeschaltet, als Ullrich beim letzten Zeitfahren stürzte. Kein Wunder, dass nach der Tour Ullrichs Manager Wolfgang Strohband viel zu tun hat. Alle wollen Jan. „Mit seiner sportlichen Super-Leistung und der gezeigten menschlichen Größe nach Armstrongs Sturz ist Jan ein idealer Werbepartner“, sagt Strohband. Wer mit Ullrich werben darf, ist noch nicht entschieden. Aber es soll sich um bekannte Firmen handeln, verspricht Strohband, der Ullrich seit einem guten Jahrzehnt betreut.

Eigentlich sei Ullrich nie ganz out gewesen, hat Strohband unlängst gesagt. Schließlich sei im vergangenen Jahr die Werbung auf Ullrichs neue Situation abgestimmt worden. Der Radprofi hatte diesmal für einen Müsli-Riegel geworben – mit zweideutigem Slogan. „Im Leben wird man schon mal aus der Bahn geworfen. Hauptsache, man kommt wieder hoch“, sagte Ullrich dort. Das Filmchen floppte jedoch, Verona Feldbusch zog mehr. Inzwischen wird man bei der Firma „Schwartau“, Hersteller von Konfitüre und Müsli, anscheinend an die Liaison mit Ullrich nicht mehr so gern erinnert – obwohl das Unternehmen Ullrich die Treue hielt, als andere Sponsoren schon weg waren. „Bei uns widerspricht sich nichts. Außerdem darf ich nichts sagen“, meint die Assistentin des „Schwartau“-Sprechers. Der ist nicht zu sprechen. Auch bei „Adidas“ – der Sportartikelhersteller hatte 2002 nach Ullrichs Eskapaden einen bis 2006 jährlich mit 300 000 Euro dotierten Vertrag gekündigt – ist Zurückhaltung beim Thema Ullrich angesagt. Angeblich ist „Adidas“ wieder an einer Zusammenarbeit mit Ullrich interessiert. „Wir werden uns an Spekulationen bezüglich neuer Partnerschaften nicht beteiligen“, sagt „Adidas“- Sprecher Oliver Brüggen. Eine Rückkehr zu Ullrich wäre für ehemalige Sponsoren wohl nicht unproblematisch. „Der Fan dankt es einem Sponsor, wenn er auch in Krisenzeiten zu seinem Partner steht“, sagt Axel Bruchhausen vom Institut „Sport und Markt“.

Der ARD, die Ullrich jahrelang beim Team Telekom unterstützte, hat der Abgang des Radprofis zu Bianchi übrigens nicht geschadet. „Für uns spielt die größte Rolle, ob wir einen deutschen Kandidaten haben, der um das Gelbe Trikot mitfährt“, sagt Rolf-Dieter Ganz vom ARD-Team bei der Tour.

Generell ist Werbung mit einzelnen Sportlern schwer kalkulierbar. Marktforscher Bruchhausen sagt: „Das Werberisiko bei Einzelsportlern ist vergleichsweise hoch. Wenn ein Einzelner zum Beispiel gedopt ist, ist das für den Sponsor schlimmer, als wenn nur ein Team-Mitglied gedopt ist.“ Natürlich ist die Marke Jan Ullrich in dieser Hinsicht momentan unkompliziert. Von welcher Haltbarkeit die derzeit hohen Sympathiewerte des besten deutschen Radprofis sind, kann allerdings niemand voraussagen.

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