Sport : Aufbleiber schlägt Durchschläfer

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Norbert Thomma über die auratische Kraft des nächtlichen Fernsehens

Auch Zuschauer sind nach einem großen Boxkampf im Gesicht gezeichnet. Die Augen gerötet, der Blick wie bei Seeleuten fernverloren. Die kurze Nacht ist schuld daran. Natürlich wird am Sonntagfrüh wieder einmal der Wecker gestellt, 4.30 Uhr. (Routiniers haben schon am Vorabend die Kaffeemaschine gerichtet.) Klitschko der Ältere gegen Lewis, Weltmeisterschaft im Schwergewicht.

Was? Wegen diesen zwei Kerlen steht jemand extra auf?

Um die beiden Boxer geht es nicht, jedenfalls nicht alleine. Wie soll man das den Durchschläfern und Liegenbleibern nur erklären? Vielleicht so: Es geht ums Aufstehen an sich. Ums Dabeisein. Um dieses ganz spezielle Körpergefühl: Das Blut fließt langsamer um diese Zeit, die Welt steht still. Nur der Fernseher läuft. Vielleicht geht im Nebenhaus noch ein Licht an, eine Straße weiter auch, weit verstreut und ohne voneinander zu wissen schauen Menschen auf zwei Boxer, eine Elite von Gleichgesinnten.

Das frühe Aufstehen (oder das lange Wachbleiben) veredelt ein Ereignis. Es verleiht ihm Aura. Die Kämpfe von Muhammad Ali, formerly known as Cassius Clay, waren ja beileibe nicht alle gut. Aber hat man es je bedauert, sie gesehen zu haben? Es ist, nächtens, eine andere Art des Schauens. Man guckt ja nicht zufällig, weil gerade nichts anderes läuft, auch nicht aus Langeweile. Es ist bewusstes Fernsehen. Und jedes dieser Ereignisse – Ali, Forman, Tyson, FußballWM 94, Michael Jordan – reiht sich in die Kette der vorhergegangenen. Und über allem liegt die Trance des schläfrigen Morgengrauens.

Natürlich gibt es inzwischen Videorekorder. Natürlich lassen sich Boxkämpfe oder Formel-1-Rennen oder Finalspiele der NBA aufzeichnen. Natürlich kann man ausgeruht zum Bäcker gehen und Frühstücksbrötchen kaufen und danach gemütlich die Kassette abspielen. Und? Es ist und bleibt Konserve. Das Resultat steht ja längst fest (schau nach im Teletext). Geschichte ist bereits geschrieben. Vielleicht lässt es sich ja so erklären: Aufsteher und Wachbleiber erleben ein Ereignis. Die Durchschläfer können nur noch dessen Ergebnis zur Kenntnis nehmen.

Zu dieser Stunde dann ruhen die Nachtgucker. Sie haben sich wieder hingelegt und räkeln sich im Bett. Sie träumen. Lewis haut Klitschko mit einem Haken von den Beinen. Klitschko lässt sich mit dem Gürtel des Weltmeisters feiern. Und nach dem Aufwachen fragen sie sich: Was war da, heute Nacht?

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