Sport : Aufbruch in Leipzig

Tischtennisprofi Timo Boll besiegt zwei Chinesen und gewinnt die German Open

Friedhard Teuffel[Leipzig]

Timo Boll hat ein großartiges Wochenende hinter sich, denn er kann es schon wieder mit zwei Chinesen aufnehmen. Lange hatte Boll, wenn es drauf ankam, nicht mehr gegen Spieler aus China gewinnen können, der stärksten Tischtennisnation der Welt. Bei den German Open in der Arena Leipzig waren es gleich zwei hintereinander. Im Halbfinale besiegte er vor 3000 Zuschauern Qiu Yike mit 4:1-Sätzen, im Finale wandelte er dann gegen Liu Guozheng einen 0:2-Satzrückstand in einen 4:2-Sieg um. Boll sprang auf den Tisch und streckte die Arme nach oben. „Ich wusste gar nicht, dass ich noch so gut spielen kann“, sagte Boll.

Es war Bolls zweiter Einzel-Titel bei der Pro Tour in diesem Jahr. Wie bei den Polish Open im Oktober gewann er in Leipzig das Einzel und mit Christian Süß noch das Doppel. Zu den Polish Open hatten die Chinesen keine Spieler geschickt. Die besten Chinesen waren zwar auch nicht nach Leipzig gekommen. Liu Guozheng ist in der Weltrangliste auf Platz 16, sieben Plätze hinter Boll. Und Qiu Yike belegt nur Rang 35. Dennoch war der Sieg gegen Qiu Yike für Boll mindestens genauso wichtig wie gegen einen der drei besten Chinesen. Mit einem Spiel gegen Qiu Yike hatte schließlich eine schwere Phase in seiner Karriere begonnen. Boll war als großer Favorit im Mai 2003 zur WM nach Paris gefahren, weil er zum Jahreswechsel als erster Deutscher die Spitzenposition der Weltrangliste eingenommen hatte. Der chinesische Cheftrainer Cai Zhenhua nannte Boll die „Schlüsselfigur in Europa“. Dann traf Boll in Paris in der zweiten Runde auf den 18 Jahre alten Qiu Yike – und verlor. Seitdem hat Boll keine großen Sprünge mehr gemacht.

Qiu Yike hat der Erfolg aber auch nicht weitergebracht. Er kam zwar bei der WM noch bis ins Viertelfinale, doch der Sieg gegen Boll stieg ihm zu Kopf. Er ließ sich in China dafür feiern, den schärfsten Konkurrenten besiegt zu haben. Dabei hatte er nur dank des guten Willens der Trainer einen Platz im chinesischen WM-Aufgebot erhalten. Bei einer Veranstaltung in China soll er so viel Alkohol getrunken haben, dass er auf sein Hotelzimmer getragen werden musste. Seinen Zimmerschlüssel suchte er vergeblich und schlief vor der Tür ein. Am nächsten Morgen fand ihn Liu Guoliang – der chinesische Nationaltrainer. Qiu Yike musste eine Geldstrafe zahlen und eine Erklärung der Reue vor der Mannschaft verlesen. Außerdem sperrten ihn die Trainer für internationale Wettbewerbe. Die Teilnahme in Leipzig war seine erste sportliche Auslandsreise nach Ablauf der Sperre. Er erreichte immerhin das Halbfinale, dort wartete Boll auf ihn.

Je mehr sich Boll traute, desto besser wurde sein Spiel. Dieser Erfolg war ihm jedoch nicht genug. Schon lange hat er nicht mehr so druckvoll und dynamisch gespielt wie im Finale gegen Liu Guozheng. „Wenn ich weiter so spiele, dann bin ich schon in naher Zukunft wieder da, wo ich vor zwei Jahren war“, sagte Boll – und kann damit nur die Nummer eins der Weltrangliste gemeint haben. Die Niederlage gegen Qiu Yike in Paris war für Timo Boll der Beginn einer Phase des Stillstands, der Sieg gegen ihn in Leipzig vielleicht ein neuer Aufbruch.

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