Sport : Auferstanden aus Einzelteilen

Die Zeiten, in denen Werder zerlegt wurde, sind vorbei – nun träumt Bremen schon wieder vom Titel

Olaf Dorow[Bremen]

Es war nicht zu überhören. „Deutscher Meister wird nur der SVW“, schmetterten Werders Anhänger fröhlich. Die Zeile ist schon oft gesungen worden im Bremer Weserstadion. Aber in den vergangenen Monaten hatte sich kaum ein kühner Fan auftreiben lassen, um sie der Fußballwelt entgegenzudröhnen. Diese Saison hatte einen zu intensiven Geschmack von Über-Bayern und Problem-Bremern. Bis jetzt.

Gefühlt war nach dem zweiten Spieltag das Titelrennen entschieden, spätestens. Ribéry und all die anderen Weltstars hatten Diego und seine Bremer im Weserstadion in alle Einzelteile zerlegt und mit 4:0 den höchsten Auswärtssieg in der Geschichte dieses ewigen Nord-Süd-Duells erzielt. Als kurz darauf die Bremer in Dortmund 0:3 unterlagen, schien es endgültig nötig, die vereinsinternen Saisonziele zu korrigieren. So ein zerpflücktes Werder-Ensemble kann nicht Deutscher Meister werden, nicht in dieser Bundesliga-Saison, war die Erkenntnis vieler Fans und Experten.

Doch inzwischen antwortet die Mannschaft mit einer Torflut, und nach dem 4:0 an diesem Wochenende gegen den Karlsruher SC konnte Werders Sportdirektor Klaus Allofs lässig auf das verweisen, was er tatsächlich in all den dunklen Wochen gesagt hatte, in denen ein Fernglas zur Sichtung der Bayern hilfreich gewesen wäre. „Wir haben immer gesagt, die werden ihre Punkte noch abgeben“, erklärte Allofs. Dass das mit den Über-Bayern ein Dauerzustand sein könne, daran hätte man doch wirklich nicht glauben müssen. „Wenn immer wieder gesagt wird, wie toll eine Mannschaft ist, dann passiert eben sowas.“

Passiert ist, dass Werder auf einen Punkt an die Bayern herangerückt ist. Passiert ist, dass Werder wieder vorzüglich kombiniert und sich trotz seiner noch immer langen Verletztenliste stabilisiert hat. Passiert ist, dass die Fans wieder vom Titel singen und die Spieler nicht mehr verheimlichen, dass sie im Sommer an so manchem Morgen mit Titelträumen aufgewacht sind. Trotz Über-Bayern.

„Mit dieser Mannschaft kann man nicht nur um Platz drei oder vier spielen“, sagte Diego, der gegen den KSC erneut überragend spielte, indem er wunderschöne Tore schoss oder sie vorbereitete. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“, sagte er mit Blick auf die Tabelle. Zu den Bayern fiel dem Brasilianer nur der nette Hinweis ein, „dass es keine Übermannschaften gibt“. Recht hat Bremens Star, schließlich teilen diese Meinung auch andere. „Man hat gesehen, dass die Bayern keine auf Sieg programmierte Maschinen sind“, verkündete Tim Borowski.

Die Bremer haben es geschafft, all ihre Probleme aus dem Alltagsgeschäft auf dem Platz in der Bundesliga zu verdrängen. Nur in ihrer Champions-League-Gruppe sind sie Letzter. Das regt einerseits zum Nachdenken über die Qualität der Bundesliga an. Andererseits kann Allofs mit einiger Berechtigung darauf verweisen, „dass wir jetzt nicht durchdrehen müssen“. Werder habe eine schwache Halbzeit gegen Piräus gezeigt sowie ein verkorkstes Spiel gegen Lazio Rom.

Nicht mehr, nicht weniger. „Wir brauchen nicht daran zu zweifeln, dass wir im internationalen Fußball mithalten können“, sagte Allofs. Im Spiel bei Real Madrid hielt Werder mit, verlor knapp, und Diego war der beste Mann auf dem Feld. Werder kann sogar noch ins Achtelfinale der Champions League vorstoßen. Sie haben sich schon ausgerechnet, dass selbst bei einer Niederlage gegen Madrid ein 1:0 in Piräus reichen könnte.

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