Sport : Auferstanden aus Ruinen

Trainingshalle abgebrannt, Saisonvorbereitung gestört – trotzdem gewinnt Martina Strutz EM-Silber.

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Whow. Martina Strutz holte trotz nicht gerade optimaler Vorbereitung Silber. Foto: AFP
Whow. Martina Strutz holte trotz nicht gerade optimaler Vorbereitung Silber. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Es regnete, der Himmel war wolkenverhangen, früher Abend war’s auch, aber die Sonnenbrille musste sein. Sieht halt doch cool aus. Sieht eigentlich bei solchen Bedingungen ziemlich albern aus, nur in diesem Fall, da passten die Gläser zum Gesamtbild. Sie passten zu der Faust, die Martina Strutz auf der Matte reckte, sie passten zu ihrer zufriedenen Miene, sie passten zu der Lockerheit, mit der sie die kühlen Abendtemperaturen und den Regen hinnahm. Und natürlich passten sie zu der Art, wie sie gerade ihre Silbermedaille im Stabhochsprung gewonnen hatte. Selbstbewusst, ohne Zögern, ohne Anzeichen von Angst war sie auf der nassen Bahn angelaufen, hatte sich nach oben geschraubt und in ihrem besten Versuch 4,60 Meter überquert.

Damit hatte sie zwar ihre bisherige Saisonbestmarke übertroffen, nur die Tschechin Jirina Ptacnikova nicht. Die hatte zwar auch nur 4,60 Meter überquert, aber weniger Fehlversuche als die Deutsche. Das bedeutete in der Endabrechnung für Ptacnikova Gold. Silke Spiegelburg aus Leverkusen, von Krämpfen geplagt, landete auf Platz vier, Lisa Ryzih (Ludwigshafen), die EM-Dritte von 2010 in Barcelona, auf Rang sieben.

Strutz strahlte, sie hat ein ungekünsteltes Lachen, so tritt sie immer auf. Sie wirkt dann sehr bodenständig und unkompliziert. „Das Wetter war ja für alle gleich. Ich bin zufrieden, ich habe gezeigt, dass ich auf den Punkt fit bin“, sagte sie in Helsinki. Und dann fügte sie noch einen Satz hinzu, den man erklären muss. Erst dann versteht man mehr von Martina Strutz aus Schwerin und vom Wert dieser Silbermedaille. „Jetzt hab' ich wirklich das Gefühl, dass ich wieder auf dem richtigen Weg bin“, sagte sie.

Der Weg bis Helsinki war ziemlich hindernisreich. Vor dem größten Hindernis stand sie am 24. März in Schwerin. Die 30-Jährige betrachtete die Überreste eines Gebäudes, das mal ihre Trainingshalle gewesen war und nach einem Feuer nur noch aus verkohlten Trümmern bestand. Die Olympiasaison begann in Kürze, und Martina Strutz, Vize-Weltmeisterin von 2011, hatte keinen Trainingsort. Sie hätte natürlich draußen trainieren können, aber bei acht Grad kann man schlecht optimale Technikarbeit machen. Sie zog dann erst mal ins Leistungszentrum Kienbaum und organisierte nebenher einen weiteren Ausweich-Ort. Den fand sie in Neubrandenburg; naheliegend, sie startet für den SC Neubrandenburg. Ihr Trainer reiste ab und zu aus Schwerin an. Dann übten sie Technik.

Es geht ja alles, aber Rhythmus und Trainingsplanung sind doch gestört, mit einer optimalen Arbeit hat das nicht allzu viel zu tun. In so einer Situation hängt eigentlich alles von der Einstellung eines Athleten ab. Es gibt Sensibelchen, die das Gefühl haben, sie könnten keine Leistung bringen, weil ihnen das gewohnte Umfeld fehlt, und es gibt Sportler wie Martina Strutz, ausgiebig tätowiert, mit strenger Kurzhaar-Frisur und selbstbewusstem Auftreten. „Was einen nicht umbringt, macht einen härter“, sagte sie zu diesen Wochen in Neubrandenburg. Außerdem servierte mitunter abends Franka Dietzsch Hühnchen. Die dreimalige Diskus-Weltmeisterin lebt in Neubrandenburg und umsorgte die Stabhochspringerin. „Sie war wie eine Mutti für mich“, sagte Strutz in Helsinki.

Aber Helsinki zeigte, dass sie alles andere als ein Mama-Kind ist. Regen, kühler Wind, 14 Grad? Mein Gott, was soll’s? Sie trainiert seit einiger Zeit wieder in Schwerin, jede Einheit im Freien. Da kann’s dann auch mal regnen, daran gewöhnt man sich. Über die Qualität des Trainings sagt das allerdings noch nichts aus. Aber in London ist Regen auch Alltag, also war Helsinki doch bloß ein guter Test. „In London wird das Wetter wohl nicht viel anders sein“, sagte Strutz, „dafür bin ich gerüstet.“

Mehr Gedanken verschwendet sie gerade an ein neues Tattoo-Motiv; das erzählte sie in Helsinki: Ein knallroter Doppelstockbus soll über ihre Wade fahren, direkt durch die olympischen Ringe.

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