Sport : Auffahrunfall stoppt Erik Zabel

Hartmut Scherzer

Mario Cipollini erzählte mit seiner tiefen, sonoren Stimme die Geschichte von Lucrezia, seiner fünfjährigen Tochter, und Erik Zabel, seinem langjährigen Erzrivalen. Letztes Jahr hatte ihn der deutsche Seriensieger im Massenspurt auf der Via Roma knapp geschlagen und wollte - wie zum Trost - auf dem Siegerpodest die Blumen der kleinen Cipollini schenken. Doch das Kind auf den Armen des Zweiten lehnte trotzig und schmollend ab. "Also habe ich ihr versprochen, dass ich diesmal gewinnen werde und sie die Blumen von mir bekommen wird", berichtete der stolze Vater. Mario Cipollini hielt sein Versprechen.

Er erfüllte sich obendrein einen Geburtstagswunsch und nach 14 Profijahren seinen "Lebenstraum", wie die "Gazzetta dello Sport" anderntags titelte. Am Vortag war "Super-Mario" 35 Jahre alt geworden. Nun küsste der Beau erst den kolossalen Pokal und dann seine kleine Lucrezia. Erik Zabel war weit und breit nicht zu sehen. Der italienische Radstar Cipollini gewann nach 287 km den 93. Rad-Klassiker Mailand - San Remo im Massensprint, ohne den deutschen Favoriten auf der Via Roma fürchten zu müssen. Der viermalige Sieger der "Classicissima" in den letzten fünf Jahren war nach einem "typischen Auffahrunfall", wie Zabel sein Malheur nannte, auf der Strecke geblieben. "Signor Sanremo" wurde mit 3:38 Minuten Rückstand Siebzigster.

Einziger Telekom- Fahrer im großen vorderen Haufen von 50 Fahrern war Alexander Winokurow (42.). Zeitgleich mit dem Sieger in 6:39:30 Stunden beendete auch Lance Armstrong sein Saisondebüt auf dem 44. Rang. Noch ein Dämpfer für das so erfolgsverwöhnte Bonner Magenta-Team: Während der dreimalige Tour-Sieger bei seiner Premiere 2002 locker fast 300 km lang mit der Spitze mithielt, hat Jan Ullrich wegen seines überbelasteten, maladen rechten Knies zur Zeit absolutes Radfahrverbot. Schöne Aussichten für die Tour ...

Keine Frage: Ohne sein Pech in der entscheidenden Phase des Rennens 34 km vor dem Ziel bei der Anfahrt zum Anstieg auf die Cipressa wäre der schnellste Mann der Telekom abermals um den Sieg von "la primavera" mitgespurtet. "Mir ist von hinten einer reingeknallt und hat das Rad totel demoliert", schilderte Zabel den Hergang. Dann fuhr ihn der Letzte im Feld obendrein noch über den Haufen. In dem Strandort Imperia sind die Straßen eng. "Dort geht es sehr hektisch zu", erzählte Zabel. Wegen des Gegenwindes sei das Feld vorne plötzlich langsam geworden. "Und schon hat es hinten geknallt. Aber ich hatte Glück im Unglück."

Trotz Radwechsels und der Hilfe von Bobby Julich und Kai Hundertmarck hatte der Telekom-Kapitän keine Chance mehr, nach vorn aufzuschließen. Denn in San Lorenzo al Mare, wenige Kilometer weiter, wurde die Aufholjagd jäh gestoppt. "Die Straße war total blockiert", berichtete Zabel vom nächsten Hindernis. Massensturz. Unter den Betroffenen zwei weitere Favoriten: Der Italiener Danilo di Luca und Erik Dekker. Den Holländer, Sieger des Vorbereitungsrennens Tirreno-Adriatico, hatte es besonders schlimm erwischt. Mit einem Bruch des rechten Oberschenkels wurde der Weltcupsieger ins Krankenhaus transportiert. Ende der Frühjahrssaison.

Aber Dekker ist nun Erster der Weltrangliste, denn Zabel büßte durch den Abzug der 240 Punkte für seinen Vorjahrssieg Platz eins ein. Nur eine kurze Unterbrechung. "Bis zur Bayern-Rundfahrt werden mir nun keine Punkte mehr abgezogen", weiß Zabel. Aber Dekker verliert jetzt untätig all die Punkte seiner Vorjahrserfolge. Bereits heute startet Zabel bei der Katalanischen Woche. Die beste Gelegenheit, den Frust aus den Beinen zu strampeln.

Spektakulär gestürzt, aber glimpflich davongekommen war auch Jan Schaffrath (Telekom). "Als ich sah, wie Schaffi gegen die Leitplanke krachte und darunter liegen blieb, habe ich das Schlimmste befürchtet", berichtete Zabel. Dem frenetisch gefeierten Sieger zollte auch der Pechvogel seine volle Anerkennung: "Ich gönne Cipo den Sieg. Er ist ein großer Rennfahrer. Mit ihm hat der Richtige gewonnen", sagte der 31-jährige Berliner.

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