Sport : Aufgestiegen aus Ruinen

Rot-Weiss Essen sieht wieder eine Perspektive

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Aus dem Hintergrund. Helmut Rahn steht am Essener Stadion als Denkmal. Foto: ddp
Aus dem Hintergrund. Helmut Rahn steht am Essener Stadion als Denkmal. Foto: ddpFoto: ddp

Die Umrisse sind langsam zu erkennen. Das neue Stadion von Rot-Weiss Essen steht zwar noch am Anfang, doch alles andere würde derzeit auch nicht zum Bild des krisengeschüttelten Traditionsklubs aus dem Ruhrgebiet passen. Im Grunde ist von diesem deutschlandweit bekannten Verein, in dem einst Helmut Rahn oder Willi Lippens die Zuschauer verzauberten, nicht viel mehr geblieben als ein großer Name. Die sportliche Realität heißt Viertklassigkeit. Trainer Waldemar Wrobel ist mit seinem Team gerade wieder in die Regionalliga aufgestiegen und soll versuchen, sich dort mit seiner Mannschaft im Mittelfeld zu etablieren. Doch trotz der eher bescheiden anmutenden Perspektive ist die Laune im Klub hervorragend. Seit dem 1. Juli ist der Klub schuldenfrei, ein Insolvenzverfahren wurde aufgehoben. „Uns kann es nicht besser gehen“, sagt Michael Welling, der Vorsitzende des Klubs, der in der ersten Pokalrunde den Berliner Zweitligisten 1. FC Union empfängt.

Vor einem Jahr hatte der Klub noch 20 Millionen Euro Schulden und war in die NRW-Liga zwangsabgestiegen. „Wir haben zwar keine Kohle, aber wir sind von einer großen Last befreit“, sagt Welling. Der Marketing- und Controllingexperte ist seit Oktober 2010 hauptamtlich im Amt und hat die Aufgabe, die wirtschaftlichen Verfehlungen der Vergangenheit sowie die Auswirkungen der sportlichen Traumschlösser zu beheben. „Abschied von den Ruinen“ heißt deshalb das Motto von RWE für die kommende Spielzeit. Und damit ist nicht nur die letzte Saison im baufälligen Georg-Melches-Stadion gemeint. Der Klub steht wieder einmal vor einem Neuanfang und will künftig „innerhalb der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ handeln, wie Welling es nennt. Nicht mehr Geld ausgeben, als der Klub einnimmt, heißt das.

An einer solchen Vorgabe ist schon so mancher Traditionsverein kläglich gescheitert – auch RWE selbst, und deshalb blickt Welling auch mit gemischten Gefühlen auf den Umzug in das neue, 31 Millionen Euro teure und 30 000 Zuschauer fassende Stadion, das von der Stadt nur wenige Meter von der alten Spielstätte erreichtet wird. Doch neben zusätzlichen Einnahmen sieht Welling Risiken: „Wir haben noch keine Verhandlungen über die Mietzahlungen mit der Stadt geführt. So etwas hat ja auch schon manch einen Verein behindert.“ Allerdings überwiegt der Optimismus. Selbst die finanzkräftigen Unternehmen der Stadt Essen, die sich lange Zeit vom Klub abgewandt hatten, scheinen dank der neuen Seriosität wieder mehr Interesse zu zeigen.

Auch die Anhänger scheinen den neuen Weg ohne Murren mitzugehen. In der abgelaufenen Fünftliga-Saison kamen im Schnitt 7000 Zuschauer. Damit lag RWE sogar vor Zweitligaklubs wie Oberhausen oder dem FSV Frankfurt. Für die kommende Spielzeit rechnet Welling allein mit dem Verkauf von 3500 Dauerkarten. „Die Leute haben Bock auf RWE. Der Boom ist größer als nach dem Zweitligaaufstieg vor einigen Jahren“, sagt er. Gegen Union Berlin ist das Interesse deutlich größer, 14 500 Besucher werden heute Abend im wohl ausverkauften Georg-Melches-Stadion erwartet. Was sich die RWE- Verantwortlichen ausrechnen? „Nichts“, sagt Welling. „Wir haben nur eine kleine Außenseiterchance. Aber es ist doch schön, mal wieder auf der großen Bühne zu erscheinen.“

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