Aufholjäger namens Union : Meister des Rückstands

Kein anderes Team der Zweiten Liga dreht Spiele so oft wie der 1. FC Union – das zeugt von Moral, aber auch von Problemen.

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Die wahren Aufholjäger. Union, hier Michael Parensen, spielt sich oft zurück.
Die wahren Aufholjäger. Union, hier Michael Parensen, spielt sich oft zurück.Foto: dpa

Berlin - Kein anderer vermochte es in diesem Moment so pointiert zu formulieren wie Torsten Mattuschka. „Es scheint, als bräuchten wir immer einen Arschtritt“, sagte der Kapitän des 1. FC Union, als sich alle anderen in der Wuhlheide immer noch über den bizarren Verlauf des gerade gesehenen Fußballspiels wunderten. Sollte heißen, Mattuschkas Mannschaft muss immer erst in Rückstand geraten, bevor sie selbst richtig aufdreht. Das war im Stadtderby gegen Hertha vor einer Woche nicht anders als bei jenem kuriosen 3:3 im Heimspiel gegen den VfL Osnabrück.

Und überhaupt gibt es keinen anderen Klub aus der Zweiten Liga, der so viele Begegnungen zu seinen Gunsten dreht wie der 1. FC Union. Sieben Mal ist es den Köpenickern in dieser Saison insgesamt bereits gelungen, nach einem Rückstand zurück zukommen – also beinahe in jedem dritten Spiel. Hinter diesen Statistiken steckt auf den ersten Blick ein ziemlich grundsätzliches Problem, findet zumindest Mattuschkas Mittelfeldkollege Santi Kolk: „Wir haben Schwierigkeiten, das erste Tor zu schießen, daran fehlt es uns.“

Die jüngste Präsentation dessen stammt von der Begegnung gegen Osnabrück. Da startete Union in der Tat ziemlich verträumt und verzettelte sich gerade im Spiel nach vorne allzu oft. Logische Folge des konfusen Auftritts war die 2:0-Führung der Gäste zu Beginn der zweiten Halbzeit. Erst danach drängten die Berliner wirklich auf einen eigenen Treffer und trugen nun auch ansehnliche Angriffe vor. „Auf einmal ging alles, was vorher nicht gegangen war“, wie Mattuschka sagte. Nicht mal zwei Minuten brauchte seine Mannschaft, um auszugleichen, nicht mal zehn, um schließlich sogar in Führung zu gehen.

Es ist schon ein seltsames Phänomen, für das der 1. FC Union der Saison 2010/2011 steht; man könnte geradezu von einer Art fußballerischem Masochismus sprechen, den der Klub zelebriert. Warum er sich oft vom Gegner quälen und damit animieren lässt, können sich die Beteiligten selbst nicht recht erklären. Nur ablesen können sie daraus so einiges. „Wir sind nicht umsonst die Mannschaft, die nach Rückständen noch die meisten Spiele gewinnt“, sagt zum Beispiel Trainer Uwe Neuhaus. „Das spricht für viel Kampfgeist.“ Auch der Kapitän hat eine „tolle Moral“ seines Teams festgestellt, und dass man „darauf aufbauen kann“.

Verlassen jedoch sollten sich die Köpenicker auf ihre Comeback-Qualitäten nicht. Eine derartige Energieleistung ist nicht in jeder Partie möglich, und nicht jeder Gegner wird sie auch zulassen, wie Union beispielsweise bei der 0:2-Niederlage gegen Paderborn vor zwei Wochen erfahren musste. Manchmal allerdings stehen sich die Unioner bei ihrer Aufholjagd auch selbst im Weg. So wie am Freitag, als Mattuschka nur noch einen Elfmeter hätte verwandeln müssen, um Mannschaft und Fans ins ganz große Glück zu schießen. Stattdessen aber entwickelte sich der Mittelfeldspieler vor gut 14 000 Zuschauern zum tragischen Helden, weil er den Ball über die Querlatte schlug. Sein Fazit darf deshalb nur bedingt verwundern. Auf die ganze Dramatik könne er künftig gerne verzichten, sagte Torsten Mattuschka. Und verschwand kopfschüttelnd in die Kabine.

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