Sport : Aufschlag im Hobbyraum

Deutschlands Daviscup-Team trifft nächstes Wochenende in Alsdorf auf Israel – in einer Tennishalle, in der sonst Freizeitsportler spielen

Stefan Hermanns

Alsdorf. Der Wiederaufstieg des deutschen Tennis beginnt in einem Einfamilienhaus im Aachener Stadtteil Laurenzberg. Marie-Luise Scheidt wohnt hier, Gesellschafterin der Scheidt & Kloppert Marketing GmbH. Im Januar hat sie mit Jacques Kloppert das Unternehmen gegründet, und zurzeit arbeiten sie an ihrem ersten größeren Projekt: Am Osterwochenende richten Scheidt & Kloppert die Daviscup-Partie zwischen Deutschland und Israel aus. „Für einen Promoter läuft es im Moment perfekt mit dem deutschen Tennis“, sagt Kloppert. „Es kostet nichts.“ Das ist wie mit Aktien: Man muss einsteigen, wenn die Kurse am Boden sind.

Dass es nicht gut steht ums deutsche Tennis, merkt Christoph Heins jeden Tag. Er hat in Alsdorf, einer Kleinstadt bei Aachen, eine ganz normale Tennishalle betrieben. Inzwischen ist aus ihr eine Multifunktionsanlage geworden, 7500 Quadratmeter groß, mit sieben Tennisplätzen, sechs Badminton- und drei Squashcourts, Fitnessstudio, Sauna, Tepidarium und Sonnenbank. Tennis alleine reicht heute nicht mehr. Vor zehn Jahren gab es in Deutschland 2400 Tennishallen, heute sind es 1700, und in drei Jahren könnte davon noch einmal die Hälfte verschwinden.

Bis zum Dezember des vergangenen Jahres war Heins’ Halle eine wie hunderte andere in Deutschland. Dann bekam er den Anruf eines Mitarbeiters. Gerade habe sich jemand in der Halle umgeschaut, „der hat gesagt, die wollen hier einen Daviscup veranstalten“. Heins hielt das für einen Scherz oder ein Missverständnis, und trotzdem hat er bei Tomas Behrend nachgefragt, dem deutschen Daviscupspieler. Behrend wohnt nur ein paar hundert Meter vom Sportforum entfernt und trainiert gelegentlich in der Halle. „Herr Heins“, hat Behrend gesagt, „ich halte das für unwahrscheinlich.“

Wenn Thomas Haas, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler am kommenden Wochenende in Alsdorf spielen, ist das deutsche Tennis endgültig an die Basis zurückgekehrt. Die Frauen haben ihr letztes Fedcup-Heimspiel in Ettenheim ausgetragen, die Männer sind auf dem Sand von Sundern in die Zweitklassigkeit abgestiegen. In Alsdorf versuchen sie jetzt, wieder in die Weltgruppe aufzusteigen – in einer ganz normalen Halle, in der sonst Hobbyspieler spielen. „Für den Deutschen Tennis Bund ist es gar nicht schlecht, mal raus aufs Land zu gehen“, sagt Präsident Georg von Waldenfels. In Wirklichkeit werden solche Entscheidungen jedoch nicht von regionalen Erwägungen geleitet, sondern von der Finanznot des Verbandes. „Wer das wirtschaftlich interessanteste Angebot macht, erhält den Zuschlag.“

Kloppert sagt, man brauche für den Erfolg des Daviscups nicht nur Spieler, „sondern auch Orte“. Einmal hat er ein Daviscup- Match zwischen Holland und den USA im Hafen von Rotterdam veranstaltet. Der Court war komplett von Wasser umgeben, und die Zuschauer wurden in Booten zu ihren Plätzen gebracht. Kloppert, ein Belgier, hat in seinem Heimatland und in Holland 15 Fedcup- und Daviscup-Spiele organisiert, am liebsten sind ihm Austragungsorte, „wo niemals Tennis war“, sagt er. „Ob wir nach Alsdorf gehen oder hier in den Garten, ist eigentlich egal.“

Manchmal wird man auch aus reinem Zufall Austragungsstätte für eine Daviscup-Partie. Jacques Kloppert hat sich aus den Gelben Seiten die Adressen von Tennishallen im Raum Aachen herausgesucht. Das Sportforum hatte er niemals zuvor betreten. Aber die Halle war als einzige hoch genug für ein Daviscup-Match (mindestens 10,80 Meter). Dass sie in der Kleinstadt Alsdorf steht, versuchen die Veranstalter zu verdrängen: „Man muss das als Aachen sehen.“

Dabei passt Alsdorf viel besser – weil es eine ähnliche Biographie besitzt wie das deutsche Tennis: Alsdorf war eine stolze Stadt mit stolzen Arbeitern so wie der DTB ein stolzer und reicher Verband war. Fast 150 Jahre lang wurde in Alsdorf Steinkohle gefördert. Dann machte 1992 die letzte Zeche dicht, insgesamt 10 000 Bergarbeiter verloren ihren Job, ein Fünftel der Bevölkerung.

„Wir hatten keine Zukunft mehr“, sagt Peter Dzinga, der in seiner Freizeit Alsdorfs Vergangenheit verwaltet. Dzinga hat im Februar nach 20 Jahren als Stadtrat den Ehrenring der Stadt bekommen, und obwohl er in Köln geboren wurde, ist er ein geradezu typischer Alsdorfer. „Wir sind ja ein Schmelztiegel“, sagt er. Sein Vater kam nach dem Krieg in die Kleinstadt, weil er dort eine Stelle im Bergbau fand. Dzinga selbst hat zwölf Jahre unter Tage geschuftet, heute arbeitet er als Pförtner beim weltgrößten Prüfer für Automotoren und Antriebsstränge – Standort: Alsdorf. Peter Dzinga sitzt jetzt gewissermaßen an der Pforte des Strukturwandels.

„Alsdorf war nie reich“, sagt Dezernent Dieter Heinrichs, doch jetzt ist die Stadt so arm, dass sie sich jede Ausgabe im Haushalt von höherer Stelle genehmigen lassen muss. Vor zehn Jahren hat sie zuletzt richtig viel Geld ausgegeben und 30 Millionen Mark in eine neue Stadthalle investiert. „Das war das Zeichen: In unserer Stadt geht es weiter“, sagt Heinrichs. Warner Music hat in Alsdorf 1000 Arbeitsplätze geschaffen, Mitsubishi 500, junge Familien ziehen wieder in die Stadt, und auf einem ehemaligen Zechengelände soll nicht nur ein neues Wohn- und Arbeitsviertel entstehen, sondern gleich die neue Mitte des Orts. Und vielleicht hält ab 2008 sogar die Regiobahn in Alsdorf.

Historisch auffällig ist die Stadt nur selten geworden. Anfang der Dreißigerjahre gab es ein Bergbauunglück mit mehreren hundert Toten, der Contergan-Prozess fand in Alsdorf statt, Fußball-Nationalspieler Torsten Frings ist hier geboren, genauso Herbert Zimmermann, der Radioreporter, der 1954 das Wunder von Bern kommentiert hat. Für Alsdorf ist der Daviscup „ein Ereignis für die Ewigkeit“, sagt Tomas Behrend, der Tennisspieler.

Christoph Heins, der Geschäftsführer des Sportforums, hat sich trotzdem gefragt: „Sollst du dir das antun?“ Gewinn macht er mit der Veranstaltung nicht: „Wenn es auf plusminus null rausläuft, bin ich zufrieden.“ Der normale Betrieb in seiner Halle ist für zwei Wochen gestört. Für die Profis wird extra ein schnellerer Belag verlegt, der anschließend wieder entfernt wird. Und die Tribünen mit 2300 Plätzen müssen auch erst aufgebaut werden. Aber Heins hat sich gesagt, dass es ein solches Ereignis in der Region so schnell wohl nicht mehr geben werde. „Ich weiß nicht, ob ich mich wohl gefühlt hätte, wenn ich es abgelehnt hätte.“

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