Sport : Aufschwung in Helsinki

Das deutsche Team steht besser da als bei Olympia 2004 – viele Athleten haben noch Reserven für 2008

Friedhard Teuffel

Helsinki - Neun größtenteils verregnete Tage in Finnland können die Stimmung ganz schön verbessern. Sie haben die deutsche Leichtathletik aus der Tristesse herausgeholt, die sie bei den Olympischen Spielen in Athen befallen hatte. Jürgen Mallow, der Leitende Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagte sogar: „Anders als in der Politik ist bei uns die Stimmung vielleicht schon besser als die Lage.“ Die Lage war beim Abschluss der WM diese: Nach dem Speerwerfen der Frauen hatte die deutsche Mannschaft fünf Medaillen gewonnen. Das sind drei mehr als in Athen und es ist eine goldene dabei, die von Franka Dietzsch im Diskuswerfen. Bei den Leichtathleten ist der Medaillenspiegel ohnehin nur eine von zwei Ranglisten. Fast noch wichtiger ist die Nationenwertung, in der auch die Finalplätze vier bis acht berücksichtigt werden. Da verbesserte sich die deutsche Mannschaft im Vergleich zu Athen vom elften auf den siebten Platz.

Der gefühlte Aufschwung ist noch ein bisschen höher. „Wir wollen wieder den Anspruch erheben, zu den besten fünf Leichtathletik-Nationen der Welt zu gehören“, sagte Mallow. Alle fünf Medaillen haben die Deutschen in den Wurfdisziplinen gewonnen, weil dort die Konkurrenz nicht ganz so global ist wie bei den Läufern und Springern. Außerdem sind drei der fünf Medaillengewinner schon gesetzten Alters. Franka Dietzsch ist 37, der Diskuswerfer Michael Möllenbeck 35, die Speerwerferin Steffi Nerius 33. Dennoch macht Mallow Sportler aus drei Generationen und vielen Disziplinen für den Aufschwung verantwortlich: die Älteren, die Etablierten wie Ralf Bartels (27), der im Kugelstoßen Dritter wurde, Sprinter Tobias Unger (26) oder Kugelstoßerin Nadine Kleinert (29), aber auch die Jüngeren wie die Überraschungszweite im Speerwurf, Christina Obergföll (23) oder Zehnkämpfer André Niklaus (23), dessen vierter Platz dem DLV viel bedeutet. Viele von ihnen haben noch Reserven für Olympia 2008 in Peking.

Die deutsche Leichtathletik hat ihre Situation trotz gewachsener Konkurrenz verbessert. „Leichtathletik ist die Sportart, in der sich die Globalisierung am stärksten bemerkbar macht", sagt Mallow, der nach den Spielen von Athen zum DLV geholt wurde. Immer mehr Länder gewinnen Medaillen, weshalb früher erfolgreiche Nationen wie Großbritannien im Medaillenspiegel zurückgerutscht sind. Gleichzeitig haben aber aufstrebende Nationen wie China noch nicht den Sprung nach ganz oben geschafft. In diesem Konkurrenzkampf sieht der Leitende Bundestrainer strukturelle Nachteile für Deutschland. „Viele Nationen haben Erfolg, weil sie Fördermittel erhöhen sowie Trainer und Athleten einkaufen“, sagt er. Dagegen sei in Deutschland die Förderung durch öffentliche Mittel auf dem Niveau von 1986 in der Bundesrepublik, „obwohl wir jetzt ein größeres Deutschland und mehr internationale Konkurrenz haben“, sagt Mallow. Bedenklich findet er auch, dass in der Förderung eine Goldmedaille in der olympischen Kernsportart Leichtathletik nicht mehr wert sei als eine im Bobfahren oder Bogenschießen.

Große Ausreden suchte Mallow nicht dafür, dass einzelne Resultate nicht gut waren. Für den Bundestrainer hat ein Viertel der Athleten die Erwartungen nicht erfüllt, in Athen seien es noch vierzig Prozent gewesen. Die Deutschen beschwerten sich in Helsinki nur vereinzelt über das Wetter. Und die Klage, in anderen Ländern fänden weniger Dopingkontrollen im Training statt, war nicht so laut zu hören. Mallow sagte jedoch: „Es gibt Ergebnisse, über die kann man sich schon wundern.“ Beim Kugelstoßen der Frauen etwa siegte Nadeschda Ostpatschuk aus Weißrussland mit 20,51 Metern. Sie war die Einzige, die über 20 Meter kam, und das gleich in allen vier gültigen Versuchen. „Bei diesem Ergebnis habe ich ein schlechtes Gefühl“, sagte der Bundestrainer.

Der DLV will seine Athleten ohne Kurskorrektur auf die nächsten Großereignisse vorbereiten. Die Sportler seien im Gegensatz zu früher psychisch gefestigt und träten auch besser auf. Das nütze ihnen und dem Bild der Leichtathletik. Ein bisschen geschmeidiger könnten sie sich manchmal bewegen, findet der Bundestrainer. „Wenn ich mal in ein Tanzlokal gehe, sind es meistens die Ausländer, die sich besser bewegen. Aber auch Geschmeidigkeit kann man sich erarbeiten."

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