Sport : Aufstehen, Razzia!

Polizei durchsucht das Quartier der Österreicher

Benedikt Voigt

Cesana - Sie kamen am Samstagabend gegen 19.30 Uhr. „Ich bin auf meinem Zimmer gelegen, als plötzlich 15 Carabinieri da waren und mich aufgefordert haben, aufzustehen und meine Beine zu spreizen“, berichtete der österreichische Langläufer Martin Tauber. Die italienische Polizei durchsuchte seine Kleidung und sein Gepäck. „Dann musste ich nach Sestriere zum Urintest und bin erst gegen ein Uhr wieder im Quartier gewesen“, sagte er. Auch am nächsten Morgen kann Tauber noch nicht fassen, was ihm widerfahren ist. „Ich fühle mich wie ein Schwerverbrecher, obwohl es keinen Grund dazu gibt.“

Die italienische Polizei hat am Samstagabend in Cesana eine Razzia in den Privaträumen des österreichischen Langlauf- und Biathlonteams durchgeführt, bei der zahlreiche nicht näher bezeichnete Gegenstände beschlagnahmt worden sind. Die „Gazetta dello Sport“ berichtete, ein Sportler habe einen Beutel mit Spritzen und Substanzen aus dem Fenster geworfen. Der Inhalt des Beutels werde untersucht. Sechs Langläufer und vier Biathleten wurden zu Dopingtests nach Sestriere gefahren. „Es war ein Schock für mich“, sagte der österreichische Biathlon-Cheftrainer Alfred Eder. „Wir haben beim Internationalen Olympischen Komitee Einspruch erhoben und werden mit allen Mitteln dagegen vorgehen“, sagte Heinz Jungwirth, Vorsitzender des österreichischen Olympischen Komitees. Die Polizei-Razzia ist ein Novum bei Olympia und gründet sich auf strikte italienische Antidopinggesetze.

Die Polizei suchte den österreichischen Langlauftrainer Walther Mayer, der aufgrund der so genannten Blutbeutel-Affäre von Salt Lake City bis 2010 von Olympischen Spielen ausgeschlossen ist. Vom IOC hatte sie die Information erhalten, dass er sich privat bei den österreichischen Athleten aufhalte. Eder bestätigte das: „Er hat in der zweiten Nacht, nachdem er angekommen war, bei uns geschlafen.“ Bei der Razzia wurde er nicht angetroffen. Gestern Abend meldete die Deutsche Presse-Agentur, Mayer sei in einen Autounfall in Kärnten verwickelt. Weitere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Sogar Bundeskanzler Wolfgang Schüssel äußerte sich am Abend zu den Vorfällen: „Man darf die Geschichte nicht kleinreden“, sagte er. „Ich finde es empörend, dass jemand wie Walther Mayer sich hier präsentiert, um die Mannschaft ins Zwielicht zu bringen.“

Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des IOC sagte, „die Tatsache, dass Mayer in der Nähe der Athleten war, hat uns beunruhigt.“ Er hielt ein aktuelles Mannschaftsfoto der österreichischen Biathleten in die Kameras, auf dem Mayer zu sehen ist. Mayer steht im Mittelpunkt einer Doping-Affäre, die in Salt Lake City ihren Anfang genommen hat. Dort hatte eine Putzfrau Blutbeutel und Injektionsnadeln gefunden, nachdem die österreichischen Langläufer abgereist waren. Das IOC sperrte ihren Trainer. Doch Mayer erwirkte vor einem österreichischen Gericht eine einstweilige Verfügung gegen ein Berufsverbot, das der Internationale Skiverband Fis verhängt hatte. Das Verfahren ist schwebend und dürfte bis vor den Europäischen Gerichtshof gehen. Zu Jahresbeginn ist bei einer Dopingkontrolle in seinem Haus erneut belastendes Material gefunden worden. „Die Welt- Anti-Doping-Agentur hat eine ähnliche Ausrüstung wie 2002 in Salt Lake City gefunden“, berichtete Ljungqvist. Diese Information habe das IOC jetzt erhalten und reagiert. „Das IOC erfüllt seine Verantwortung, Anti-Doping-Kontrollen bei Athleten durchzuführen, die unter seinem Einfluss stehen“, sagte IOC- Sprecherin Giselle Davis.

Allerdings gab es am Samstag zwei Aktionen fast gleichzeitig: Dopingkontrollen des IOC und die Razzia durch die Polizei. „Das waren zwei vollkommen unterschiedliche Aktionen, die auf zwei unabhängigen Entscheidungen beruhten“, sagte Ljungqvist. Bis kurz vor den Spielen hatte das IOC mit den Behörden verhandelt, wie die italienischen Antidopinggesetze und die Dopingkontrollen des IOC zu vereinbaren seien. Nun gibt es ein erstes Beispiel dieser Einigung. „Die italienischen Behörden haben von uns die Informationen bekommen“, sagte Ljungqvist, „es war ihre Sache, was sie damit machen.“ Die Ergebnisse der österreichischen Dopingproben werden frühestens heute veröffentlicht. „Bisher habe ich die Hand für meine Leute ins Feuer gelegt“, sagte Eder, „aber nach so einer Aktion muss man mit allem rechnen.“ Zwei österreichische Biathleten, Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann, reisten gestern überstürzt ab.

Die Langläufer reagierten nach den Ereignissen geschockt. Am Sonntag musste der dritte Läufer der 4x10-Kilometer-Staffel aufgeben. Er lag abgeschlagen an letzter Stelle.

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