Sport : Aufsteigbar

Auch Henry Kissinger freut sich mit seinem Lieblingsklub Greuther Fürth.

von
So jubelt Fürth. Trainer Mike Büskens im Kreis seiner Spieler. Foto: dpa
So jubelt Fürth. Trainer Mike Büskens im Kreis seiner Spieler. Foto: dpaFoto: dpa

Fürth hat traditionell eine besondere Beziehung zu berühmten Söhnen der Stadt. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ist Ehrenmitglied der Spielvereinigung Greuther Fürth und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt. Der Friedensnobelpreisträger lässt sich regelmäßig Spielergebnisse in die USA übermitteln und den neuesten Fanschal schicken. Als Helmut Hack, seit 16 Jahren Klubpräsident, seinen 60. Geburtstag feierte, ließ Oberbürgermeister Thomas Jung auf dem Rathausturm die Klubfahne hissen, wo sonst nur die deutsche Flagge zu besonderen Feiertagen weht.

Was dem neuen Helden Mike Büskens widerfährt, steht bisher noch nicht fest, obwohl der Cheftrainer des Zweitligaklubs mit dem ersten Aufstieg der Klubgeschichte in die Bundesliga Historisches vollbracht hat. Seit Montag ist Büskens in der Region so beliebt wie Edelfan Kissinger und Klubchef Hack. Seit der Niederlage des Konkurrenten Düsseldorf ist der Aufstieg nur noch theoretisch zu verhindern. Bei drei ausstehenden Spielen haben die Fürther einen Vorsprung von neun Punkten und 31 Toren.

Als in Dresden gespielt wurde, saß die Mannschaft vor Bildschirmen in den Vip-Räumen des leeren Fürther Stadions. Zig Kamerateams filmten jede Regung und kurz nach Zehn jede Sektdusche und Tanzeinlage. Trainer Büskens war der lange TV-Abend wohl zu steril. Er fuhr lieber nach Dresden, um wenigstens mit etwas Fußballgeruch um die Nase aufzusteigen. „Das ist ein historischer Tag“, sagte Büskens. „Ich bin so froh, dass wir es geschafft haben, das mit den Unaufsteigbaren konnte ich nicht mehr hören.“

Kein Klub hat so oft am Aufstieg geschnuppert und ihn so oft verpasst. Einmal Vierter, einmal Sechster, sechsmal Fünfter – zehn Jahre lang ergoss sich Hohn und Spott über den fränkischen Klub, der im Dunstkreis des 1. FC Nürnberg ein Schattendasein fristete und mit dem Playmobil-Stadion eine Arena hatte, die mehr einem bunten Kinder-Erlebnisland denn einem Fußballstadion glich.

Aus all dem kultivierte man einen besonderen Minderwertigkeitskomplex, der schwer zu kurieren schien. Vor zwei Jahren schüttelte der Klub alles Selbstmitleid ab und schuf die Kampagne „Die unAufsteigbar Tour“. Mancher glaubt, der Schuss Selbstironie habe die Versagensangst endgültig vertrieben.

Jetzt muss sich Trainer Büskens nur überlegen, wie er mit einem geringen Etat den Klassenerhalt schaffen kann und der Klub braucht eine neue Imagekampagne. Naheliegend ist die Geschichte vom Underdog, der zusammenrückt und es macht wie in dieser Bundesligasaison der kleine SC Freiburg oder der noch kleinere FC Augsburg. Zur Saison 2014/15 soll das neue Stadion des 52. Erstligisten fertig sein. Für 20 000 Zuschauer. Nicht bunt, sondern in den Klubfarben Grün und Weiß.

Als Büskens spät in der Nacht wieder in Fürth eintraf, stand die Stadt Kopf. Die Gustavstraße in der Innenstadt war zur Partymeile geworden, die Kneipen brechend voll, später ergoss sich ein Strom jubelnder Fürther in die Gassen der Altstadt. Raketen stiegen in den Himmel. Ein Korso hupender Autos jagte durch die Stadt. Gefeiert wurde das Unfassbare, fortan müssen sich die Fürther an die neue Fußballwelt gewöhnen. Henry Kissinger hat versprochen, beim ersten Spiel auf der Tribüne zu sitzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben