Sport : Aufstellung für die neue Ära

Die Verantwortlichen des FC Bayern formen eine junge Mannschaft für die Zukunft. Dabei profitieren sie vom Aus in der Champions League – sagen sie

Daniel Pontzen

Marbella. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis die Bayern das Champions-League-Aus zu schätzen wussten, doch zwischen den Zitronen- und Orangenbäumen im Herzen Andalusiens kam die späte Einsicht. „Das nächste halbe Jahr ist eine einmalige Chance“, referierte Manager Uli Hoeneß, „denn dadurch, dass wir nicht die Mehrfachbelastung aus der Champions League haben, kann jeder Spieler individuell an sich arbeiten.“ In den letzten Jahren sei dazu wenig Zeit geblieben, als die Bayern im Mittwoch-Samstag-Rhythmus von Stadion zu Stadion hetzten, der Trainingsplatz oft nur Rehabilitationszone war. „Jetzt aber“, sagt Hoeneß, sei wieder Zeit da, „um Fußball zu lehren“, um „die jungen Spieler zu forcieren“. Dies sei „die beste Kapitalzufuhr“, die einem Fußballunternehmen passieren kann.

In den schwärmerischen Tonfall des Managers mischt sich die Hoffnung, dass das Bayern-Team spätestens bis zum Jahr 2006 an die Leistungen der Mannschaft anknüpft, die den Rekordmeister zur Jahrtausendwende wieder in Europas Elite etabliert hat. „Wir werden nicht alle unsere Ziele auf 2006 ausrichten“, sagt Hoeneß, doch im Hintergrund basteln die Bayern unermüdlich an einer neuen Ära, die pünktlich zur Weltmeisterschaft im eigenen Lande ihr volles Leistungspotenzial abrufen könnte.

Denn neben dem 26-jährigen Michael Ballack und dem 22-jährigen Sebastian Deisler, der in einem der nächsten Freundschaftsspiele seinen ersten Kurzeinsatz absolvieren soll, hat eine Jugend-Offensive der Bayern-Verantwortlichen eine ganze Schar junger Top-Spieler in den Kader gespült: Die Dienste Roque Santa Cruz’, 21, und Owen Hargreaves’, 21, die schon jetzt zu den Etablierten zählen, haben sich die Bayern jüngst bis 2006 gesichert. Mit Sebastian Schweinsteiger, 18, und Markus Feulner, 20, nahm Ottmar Hitzfeld zwei weitere Eigengewächse nach Marbella mit. „Die beiden sind voll integriert“, urteilt der Trainer, „sie haben beide das Zeug, den Sprung in die Mannschaft zu schaffen.“ 2006 dürften auch sie ihre Reifezeit abgeschlossen haben. Zudem trauen die Bayern ihren A-Jugendlichen Philipp Lahm und Piotr Trochowski eine Karriere im eigenen Betrieb zu, Jung-Keeper Michael Rensing ist bereits für den Posten hinter Oliver Kahn eingeplant. „Wir geben sehr viel Geld für den Jugendbereich aus“, sagt Hoeneß, „es wäre sehr schön, wenn wir in den nächsten Jahren noch mehr davon profitieren könnten.“

Jedoch, bei der Akquirierung fähigen Personals für das Projekt Zukunft bedienen sich die Münchner auch gerne außerhalb des eigenen Trainingszentrums. Tobias Rau, 21, zählt zu den Fremdausgebildeten, dessen forsches Auftreten den Bayern imponiert hat und den sie kurzerhand verpflichtet haben. „Er hat sich für uns entschieden“, sagt Hoeneß entspannt, „wenn wir uns mit Wolfsburg auf eine Ablöse einigen, kommt er schon diesen Sommer, sonst eben erst 2004.“ Ein baldiger Wechsel wäre Bayern jedoch lieber, da der Linksverteidiger dann von Bixente Lizarazu angelernt werden könnte.

Doch wenngleich mit Rau ein weiterer Bayern-Profi als aussichtsreicher Bewerber für eine WM-Teilnahme gilt, wollen sich die Münchner nicht als verkapptes Team 2006 verstehen. „Das ist ein Nebenprodukt“, sagt Hoeneß, „es kann nicht unser Hauptziel sein, dass Deutschland Weltmeister wird.“ Zum Beweis entsenden die Münchner regelmäßig Talentspäher in diverse Winkel der Erde, um ausländische Wunderkinder zu orten. „In dem Moment, wo man aufhört sich international umzusehen, hört man auf, international wettbewerbsfähig zu sein“, sagt Hoeneß. „Du musst den Bestmöglichen holen. Wenn er nicht im eigenen Kader ist, muss man auch nach Buenos Aires reisen.“

So geschehen kurz vor Weihnachten, als Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nicht aus Argentinien zurückkehrte, ehe er eine Zusage des Verteidigers Martin Demichelis hatte. Der 21-Jährige zählt wegen seiner Robustheit und technischen Reife zu den umworbensten Abwehrspielern weltweit. Interesse an dem 18-jährigen Robinho, den brasilianische Medien eilfertig zum Erben Pelés hochjazzen, dementieren die Bayern indes.

Ohnehin, Leistungsträger lassen sich nicht klonen, das weiß auch Oliver Kahn. Der mutmaßliche Bayern-Manager ab 2006 dämpft daher allzu hohe Erwartungen. „Man muss immer abwarten, wie sich junge Spieler entwickeln, wenn sie auf sich allein gestellt sind. Man kann ein Klima schaffen, wo sie sich wohl fühlen, aber letztlich kommt es darauf an, was sie selbst aus sich machen.“ Zumal, wenn das Niveau europäischer Spitzenklasse angestrebt wird. Es gebe, hat Hoeneß kürzlich der „Frankfurter Rundschau“ erklärt, „eine Kategorie unserer Ausbildung. Auf die Frage: ‚Wird er Bundesliga-Spieler?’ lautet die Antwort oft: Ja. Ist die Frage: ‚Wird er Bayern-Spieler?’ heißt es meist: Wissen wir nicht. Es ist ein Unterschied, ob ich Bundesliga-Spieler werden möchte oder Bayern-Spieler.“

Die Jungen, die schon da sind, sollten die Gelegenheit zur Qualitätssteigerung im vergleichsweise entspannten Umfeld dieser Wochen nutzen. Oft wird sich Hoeneß nicht mehr darüber freuen, den Stress der Champions League der Konkurrenz zu überlassen.

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