Sport : Aufstieg im Galopp

Trainer des Derbysiegers war einst Futtermeister

Hartmut Moheit

Berlin - Mit einer Karre voll frisch gesenstem Gras bedankte sich Jens Hirschberg gestern beim drei Jahre alte Hengst Adlerflug. „Das habe ich selbst geschnitten, mehr kann ich kaum tun“, sagt der Galopptrainer in einem Tonfall, als würde er sich für die Kleinigkeit entschuldigen. Schließlich hat das Pferd am Sonntag beim 138. Deutschen Derby in Hamburg unter Jockey Fredrik Johansson die Hauptarbeit geleistet. Mit einem Galopp vor 31 000 Zuschauern, der nach 2400 Metern mit dem Blauen Band belohnt wurde.

„Ich habe mir das Rennen in der Jockeystube vor dem Fernseher angesehen, der Rennverlauf war für Adlerflug fast ideal“, beschreibt Hirschberger die bisher wichtigsten knapp zweieinhalb Minuten in seiner Karriere. Er ist erst 39 Jahre alt und sattelte erstmals Pferde für das Deutsche Derby. Mit Persian Storm und Sommersturm hatte er zwei weitere Galopper dabei, die aber ihren Besitzern von der Gesamtdotierung in Höhe von über einer Million Euro nichts einbrachten. „Mein Favorit war von vornherein Adlerflug, aber das durfte ich aus Gründen der Fairness vorher so nicht sagen“, erzählt der Trainer.

Während er mit dem Sieg im Derby überraschte, für das so mancher Trainer zeitlebens nicht einmal ein Pferd mangels Klasse an den Start bekommt, war der Coup für seinen Arbeitgeber nichts Neues. Das Privatgestüt Schlenderhan, das seit 1869 besteht und im Besitz der Baronin Karin von Ullmann und ihres Sohns Georg ist, konnte am Sonntag bereits den 17. Sieg feiern.

Dass Jens Hirschberger gerade dort, in der neuen Trainingsstätte des Gestüts in Bergheim bei Köln, den Job als verantwortlicher Trainer bekommen hat, war in der deutschen Galoppszene noch vor kurzem mit Skepsis registriert worden. Seit Sonntag wird sich wohl kaum noch einer darüber wundern, dass einem ehemaligen Reisefuttermeister ein solcher Aufstieg gelungen ist. Den Vergleich mit dem Tellerwäscher, der zum Millionär wurde, findet er dennoch „völlig übertrieben“. Hirschberger, der aus einer Leipziger Pferdesportfamilie stammt, hat sich hochgearbeitet: Vom Amateur in der Schulzeit und nach einer Lehre in Hoppegarten war er Arbeitsreiter in Frankreich, Futtermeister bei verschiedenen Trainern bis hin zum Assistenten des mittlerweile in Hongkong engagierten Andreas Schütz.

Doch seine Person möchte er nach dem Derbysieg nicht im Vordergrund sehen. „Ich bin ein Teamplayer“, sagt Hirschberger und verweist auf die 52 Mitarbeiter. So war er gestern schon wieder um 4.45 Uhr auf den Beinen, um seine Arbeit zu beginnen. Die Grundlage für Erfolge sieht er ohnehin in der Zucht, die auf alten Schlenderhaner Mutterlinien basiert. Nicht einmal Zeit hatte er am Montag, sich den Ehrenpreis für den Trainer des Derbysiegers, einen großen silbernen Teller, richtig anzusehen. Das frische Grün für Adlerflug war wichtiger.

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