Sport : Auftrieb für Grobmotoriker

Frank Bachner

Zum Glück hat jemand mitgezählt. Also weiß man, dass beim Schwimm-Weltcup in Berlin am Wochenende der 116. Weltrekord in diesem Jahr aufgestellt worden ist. Bis Silvester kommen vermutlich noch ein paar Dutzend dazu, so lange darf man mit den neuen High-Tech-Anzügen ins Wasser. Irgendwann in ein paar Jahren wird man sich an diese Weltrekordflut erinnern wie an eine spektakuläre Sonnenfinsternis. Eine Besonderheit, die so schnell nicht wiederkommt. Zum Glück.

Mehr Auftrieb als in den hautengen Plastikhüllen hat man vermutlich nur im Toten Meer. Wenn jeder Grobmotoriker, der normalerweise an Land gespült würde, in diesen Anzügen zumindest eine nationalen Rekord schwimmen kann, wird jede Bestleistung entwertet. Je größer der Auftrieb, umso weniger Technik ist nötig, um schnell durchs Wasser zu pflügen. In diesen Anzügen sind sie alle gleich: die Techniker, die Stilisten, die technisch Unbegabten. Der Wettbewerb ist damit aufgehoben. Zumindest der Wettbewerb, in dem sich jene Athleten durchsetzen, die Technik und Kraft optimal kombinieren.

Die Sportler haben die Weltrekorde ja selbst nicht mehr ernst genommen. Nur einen Nachteil müssen sie von Januar an in Kauf nehmen. Sie können nicht mehr so einfach die größten Versager der Leistungsschwimmer identifizieren: Im Moment sind das noch die Leute, die, in Plastik eingeschweißt, anschlagen und keinen Weltrekord geschwommen sind.

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