Sport : Auftrieb mit Bandage

Der lange verletzte Henrik Rödl führt Albas Basketballer zum Sieg

Helen Ruwald

Berlin. Sechs Sekunden waren in der Max-Schmeling-Halle noch zu spielen, als der Leverkusener Sven Schultze von hinten die Arme um Henrik Rödl legte. Nicht, um sich an ihm festzuklammern und einen Korbwurf des Mannes mit der riesigen Bandage am linken Knie zu verhindern. Alba Berlins Basketballer führten im ersten Play-off-Viertelfinale 92:86, dabei blieb es auch. Schultze, der frühere Berliner, nahm Rödl freundschaftlich in den Arm, so als wolle er dem Sieger zu einer starken Leistung gratulieren.

Rödl freute sich nicht nur über den Sieg, sondern auch über seine eigene Müdigkeit – ein Zeichen dafür, dass er lange gespielt und unermüdlich gekämpft hatte. Neun Monate war er verletzt gewesen und hatte nach seinem Comeback vor acht Wochen nie mehr als ein paar Minuten gespielt. Gegen Leverkusen stand er fast 20 Minuten auf dem Feld, länger als der schwache Vladimir Petrovic und die enttäuschenden Nationalspieler Marko Pesic und Mithat Demirel. „Ich war überrascht, dass ich so lange mitmachen konnte und durfte“, sagte Rödl. Er machte nicht nur mit, er war die spielentscheidende Figur des Abends. Ohne ihn hätte Alba kaum gewonnen. 24:34 verloren die Berliner ohne den 35-Jährigen das erste Viertel. Sie verteidigten schlecht und konnten sich überhaupt nicht auf die spielstarken Leverkusener einstellen, die sie sieben Wochen zuvor in der Bundesliga noch deklassiert hatten.

Zu Beginn des zweiten Viertels brachte Trainer Emir Mutapcic Rödl, der seit 1993 im Verein ist und alle sieben Titelgewinne mitfeierte. „Er spielt eine wichtige Rolle, er ist die Integrationsfigur“, hatte Mutatpcic vor der Partie gesagt. Nach zwei spielfreien Wochen mit einem Trainingslager in Bad Saarow und zwei Testspielen gegen die Telekom Baskets Bonn „hatte ich das Gefühl, dass er in guter Form ist“. Das war er in der Tat: Rödl verteidigte hart, kämpfte um jeden Ball, „er hat so gespielt wie früher“, lobte Demirel. Rödls Auftritt war ein Signal an den Gegner, dass Alba noch längst nicht geschlagen war. Und ein Signal an das eigene Team, mehr Engagement zu zeigen. Rödls Bilanz: 5 Punkte, 4 Rebounds, 3 Ballgewinne, 4 Korbvorlagen. Vor allem aber brachte er Aggressivität und Emotionen ins Berliner Spiel und riss so seine Kollegen mit. Rödl war es auch, den Mutapcic schließlich auf den überragenden Leverkusener Denis Wucherer (19 Punkte) ansetzte. In den ersten 25 Minuten sei sein Team nicht mit Wucherer zurechtgekommen, „aber Henrik hat es gut gemacht“. Die Fans feierten Rödl mit Szenenapplaus, sein Kollege John Best sagte anerkennend: „Er hat uns Auftrieb gegeben.“

Was genauso für Rödl wie gegen den Rest des Teams spricht, das zur Leistungssteigerung eines Mannes bedurfte, der noch vor wenigen Monaten befürchten musste, nie mehr für Alba spielen zu können. Im Mai 2003 hatte er sich bei einem Zusammenstoß mit seinem Mitspieler DeJuan Collins den Schienbeinkopf im linken Knie gebrochen. Monatelang quälte Rödl sich in der Rehabilitation und unterschrieb erst im Februar einen Vertrag bis Saisonende, als klar war, dass er seine Karriere fortsetzen konnte. Im Pokal-Viertelfinale gegen die Skyliners Frankfurt kam er erstmals wieder ein paar Minuten zum Einsatz. Alba zeigte beim 56:75 eine blamable Leistung – ein frustrierenderes Comeback kann es kaum geben. Gegen Leverkusen schonte Rödl den Gegner nicht, aber auch nicht sich selbst. Keine innere Bremse hielt ihn zurück, Adrenalinschübe verhinderten Gedanken daran, dass er sich wieder verletzten könnte.

Rödl soll langfristig bei Alba bleiben, vielleicht auch als Trainer beim Kooperationspartner TuS Lichterfelde oder in einer anderen Funktion. Am wertvollsten, das hat der Donnerstag gezeigt, ist er jedoch immer noch auf dem Spielfeld. Im zweiten Viertelfinale morgen in Leverkusen kann er ohne großen inneren Druck auflaufen. „Ich habe ein unglaubliches Jahr hinter mir. Dass ich es geschafft habe, wiederzukommen, reicht. Alles andere ist Zugabe.“ Auch der achte Titel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar