Sport : Auftrittsverbot für Schauspieler!

„Schwalben“ im Strafraum zerstören den Fußball. Sie gehören härter bestraft Von Wolfgang Schäuble

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Auch wenn man es in diesen Tagen manches Mal aus den Augen verliert: Fußball ist ein Spiel. Der Sport in seiner Gesamtheit basiert auf dem Spielgedanken. Dabei tragen Menschen freiwillig im Rahmen von Regeln einen Wettkampf aus, und im Bedarfsfall gibt es einen Schiedsrichter. Der Gewinn für jeden Einzelnen liegt zuallererst darin, das Spiel zu spielen und sich anzustrengen, und nicht etwa darin, den Wettkampf zu gewinnen. Denn wo es Sieger gibt, muss es auch Verlierer geben.

Noch simpler: Wenn beim Bergsteigen das Ziel allein die Erreichung des Gipfels wäre, würde der rationale Mensch die Bergbahn nehmen. Geht schneller, kostet weniger Energie, und man kommt an. Der Haken daran ist: Es wäre kein Bergsteigen mehr.

Diesem spielerischen Gedanken folgend, hege ich den Verdacht, dass es sich bei der Fallsucht von Fußballprofis, die wir Woche für Woche erleben müssen, nicht mehr um Fußball handeln kann. Mit theatralischen Einlagen werden Rote Karten provoziert. Im Strafraum jagt eine „Schwalbe“ die nächste. Zweifelsohne handelt es sich dabei auch um eine Art Spiel. Aber es ist keine Teildisziplin des Fußballspiels, sondern des Schauspiels. Im Rahmen des Fußballs handelt es sich schlicht um Betrug. Gerechtfertigt werden die Betrugsversuche von den Tätern häufig mit dem Erfolgsdruck, der auf ihnen lastet. Der Sieg allein scheint das oberste Gebot zu sein und nicht etwa die Leistung.

An diesem Missverhältnis von Erfolg und Leistung krankt nicht nur der Fußball, sondern ein wenig auch unsere Gesellschaft als Ganzes. Erfolg überlagert Qualität. Dazu tragen auch die Medien bei, die sich in vielen Fällen vom kritischen Beobachter zum Verkäufer ihrer Waren entwickelt haben. Die objektive Beurteilung der Leistung auf dem Fußballplatz oder im Leben würde den Werbewert des Produktes schwächen. Daher unterbleibt die tiefer gehende Auseinandersetzung, und Sieg oder Niederlage werden zum einzigen Gradmesser.

Ernste Gefahren für den Fußball birgt der chronische Betrugsversuch. Als ich vor Jahrzehnten in der E-Jugend des SV Hornberg spielte, wurde das Ideal des Fairplay hochgehalten. Im Training meines Sohnes hieß es bereits: Lasst euch im Strafraum fallen. Heute lobt der Profi im Fernsehen seinen gelungenen Betrug als „professionell“ und „schlitzohrig“.

Die Unparteiischen und der Fußball in seiner Gesamtheit sind hier gefragt, einem gefährlichen Phänomen entgegenzutreten. Der Versuch des Betrugs muss härter als Regelverstoß geahndet werden, und die Vorbilder auf dem Platz dürfen die Regeln nicht ungestraft übertreten.

Nach langen Jahrzehnten der Verharmlosung kämpft die Sportwelt mit wenigen Ausnahmen vereint gegen Doping, weil es die Integrität des Sports angreift. Dies gilt auch für den Sportbetrug mit anderen Mitteln. Den schauspielerischen Auswüchsen wird durch ausbleibende Ahndung Vorschub geleistet. Die Werte des Sports dürfen nicht verwässern. Sonst ist unser Lieblingssport Fußball bald kein Spiel mehr.

Der Autor ist Bundesminister des Innern. In dieser Funktion ist der CDU-Politiker auch für den Sport zuständig.

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