Sport : Augen zu und durch

Frisch, frech, dynamisch – eine Generation von jungen Spielern bringt Deutschlands Fußball auf EM-Kurs

Michael Rosentritt

Dortmund. Der Ball war schnörkellos und mit voller Wucht getreten. Er flog genau in Richtung Tormitte. Dorthin also, wo gewöhnlich der gegnerische Torwart vor der Ausführung eines Elfmeters Posten bezieht. Das Risiko für den Schützen ist dabei groß. Bleibt der Torwart nämlich stehen, wehrt er solche Bälle mühelos ab. Nur gut für Michael Ballack, dass Schottlands Schlussmann Douglas zur rechten Seite weghechtete. So traf der Münchner Ballack zu Beginn der zweiten Halbzeit mit dem an Fredi Bobic verursachten Foulelfmeter zum 2:0, am Ende feierten 67 000 Zuschauer im Westfalenstadion die deutsche Fußball-Nationalmannschaft für ihren 2:1 (1:0)-Sieg über Schottland in der EM-Qualifikation.

Dass sich ein technisch versierter Spieler wie Michael Ballack für einen Elfmeter-Kraftakt entschied, anstatt – seinen Tugenden entsprechend – eine Ecke auszuwählen, oder gar zu versuchen, den gegnerischen Torwart geschickt zu verladen, war symptomatisch für diesen Fußball-Abend. „Augen zu und durch“, sagte später Tobias Rau. Nach dieser Devise handelte Ballack bei seinem Elfmeterschuss am Mittwochabend – und wohl auch die Nationalelf insgesamt.

Rudi Völler, der Teamchef, hatte nach dem Schlusspfiff seine Hände zu Fäusten geballt und eilte schnellen Schrittes auf den klitschnassen Rasen des Dortmunder Westfalenstadions. Jeder, der sich ihm in den Weg stellte, wurde geherzt. Seine Spieler bekamen einen Klaps auf die Wange, die des Gegners einen aufs Hinterteil. Im Mittelkreis, wo sich der Großteil seiner Mannschaft vom Publikum feiern ließ, reckte Völler seine Hände himmelwärts und winkte in die Ränge. Seine Erleichterung über diesen wichtigen Sieg in der EM-Qualifikation war so groß, dass er auf seinem Rückweg vom Rasen noch der schottischen Ersatzbank mit Masseuren, Therapeuten und Zeugwart einen Besuch abstattete. Völler schüttelte in den Minuten nach dem Abpfiff so viele Hände wie sonst nur der Bundeskanzler beim Neujahrsempfang. Für die deutsche Elf aber könnte dieser Abend der Anfang einer neuen Zeitrechnung gewesen sein.

Es war der vierte Abend nach Völlers Wutausbruch von Reykjavik, aber der erste, an dem die Spieler wieder zu handelnden Personen wurden. Tobias Rau, der eher zierliche Münchner, war zum Beispiel einer der jungen Spieler, die an diesem Abend das angeschlagene Ehrgefühl des deutschen Fußballs wiederherzustellen hatten. Ebenso wie Arne Friedrich (Hertha) und Kevin Kuranyi (Stuttgart). Spieler also, die am Vorabend auch in der U-21-Nationalmannschaft hätten spielen können, rissen Völlers Team aus der Lethargie. „Es war schon beeindruckend“, sagte Berti Vogts, der Trainer der Schotten, „wie diese junge deutsche Mannschaft das Spiel von Beginn an dominierte.“

Es stand viel auf dem Spiel, sagte Rudi Völler. Nach der schlechten Leistung am vergangenen Sonnabend in Island drohte Deutschland in der Qualifikation für die EM im kommenden Jahr in Portugal zu straucheln. „Ich habe der Mannschaft angemerkt, unter welchen Druck sie stand“, sagte Völler. „Das war mehr, als mancher ertragen konnte.“ Dennoch hatte der Teamchef den jungen Spielern vertraut und auf ihre Frische und Unbekümmertheit gesetzt. „Ich war den ganzen Tag über aufgeregt“, sagte Tobias Rau, „aber mit dem Anpfiff war alles verflogen.“ Der Münchner hatte die linke Außenbahn beackert und immer wieder das deutsche Spiel angekurbelt. Ihm unterliefen zwar einige Abspielfehler, aber er setzte Akzente. „Wir waren sehr aggressiv und von Beginn an konzentriert“, sagte Rau. Der 21-Jährige hatte sich durch seine freche Spielweise den Zorn der Schotten zugezogen. Nach wiederholtem Foulspiel an Rau musste der erst bei Halbzeit eingewechselte Maurice Ross von den Glasgow Rangers in der 70. Minute das Feld verlassen. „Die jungen Spieler haben in dieser hitzigen Partie fantastisch dem Druck standgehalten“, sagte Völler.

„Wir haben taktisch etwas anders gespielt“, lautete Arne Friedrichs Anwort auf die Frage, warum denn nicht schon gegen Island so erfolgreich über die Außen angegriffen wurde. Völler hatte seine Mannschaft vom 4-4-2- auf ein 3-5-2-System umgebaut. Carsten Ramelow hatte er in die Abwehr gezogen und dafür Frank Baumann ins zentrale Mittelfeld vorgeschoben. Wichtiger aber war, dass Friedrich und Rau die Überzahlsituation im deutschen Mittelfeld auf der rechten und linken Außenbahn zu Läufen bis an die Grundlinie nutzten und so immer wieder gefährlich flanken konnten. Im Sturm hatte es ein sehr beweglicher Kuranyi verstanden, für Bobic oder nachrückende Mittelfeldspieler Freiräume zu schaffen.

„Ich bin erleichtert“, sagte Völler. „Wir sind zwar noch nicht qualifiziert, aber gegen Island reicht uns jetzt schon ein Unentschieden.“ Das Wort Befreiungsschlag nahm der Teamchef zwar nicht in den Mund, aber „dieser Sieg jetzt, der schweißt uns zusammen“, sagte er.

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